Südostasien-Korrespondent Schmidt Patriotismus, der abfärbt

Stand: 04.10.2015 05:46 Uhr

Die Begeisterung, die in Singapur Deutschland entgegengebracht wird, ist erst befremdlich, später ansteckend. Und sie hilft dabei, im fernen Asien Frieden mit der Heimat zu machen, meint Südostasien-Korrespondent Udo Schmidt.

Asien macht das Ankommen einfach - und auch das Bleiben. Zu Hause in Singapur, das war schon nach wenigen Monaten keine dahingesagte Floskel mehr, um den eigenen kosmopolitischen Anstrich zu verstärken.

Singapur war mein und unser Zuhause nach kurzer Zeit, weil dieses "Asien für Anfänger" eine gelungene Mischung aus bekannter westlicher Fassade und unbekannt-spannendem östlichem Kern ist: Ein bisschen Chinatown, ein wenig malaiische Kultur in Katong, dazu eine Prise "Little India", alles in der Singapurer Light-Version. Man kann Singapur nach einiger Zeit vielleicht langweilig finden, fremd ist es nicht.

Das Zuhause ist Singapur, die Heimat bleibt Deutschland. Und die Begeisterung, die in Singapur wie in ganz Asien Deutschland entgegengebracht wird, ist erst befremdlich, dann fast ansteckend.

Udo Schmidt
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Singapurs Begeisterung für Deutschland färbt ein wenig ab, meint Udo Schmidt.

Von BMW bis Oktoberfest

Deutschland, das ist zuallererst der Mercedes, der BMW, der Porsche, der Audi - die Volkswagenkrise wird daran nichts ändern -, dann die Waschmaschine oder das Aquarium, alles "made in Germany". Aber Deutschland ist dem gut informierten Singapurer mehr: das Land, das als einzige gesunde europäische Volkswirtschaft die EU zusammenhält, die Kanzlerin, die gute Beziehungen zu China pflegt, ohne zu viel zu kritisieren, die Wiege des Oktoberfests, das im Stadtstaat Singapur mit großer Begeisterung und ziemlich original nachempfunden wird.

Uns Deutschen, kritisch allem gegenüber, das sich nationalistisch-patriotisch gibt, ist diese Begeisterung anfangs unheimlich. Dann färbt sie ab, ein wenig zumindest und hilft, Frieden mit der Heimat zu machen. Heimat, dieser Begriff wird im Stadtstaat Singapur, gerade einmal 50 Jahre alt, eindrucksvoll zelebriert.

"We are Singaporeans" unter diesem Slogan wird Jahr für Jahr der National Day, der Unabhängigkeitstag, begangen, eine Mischung aus Volksfest, patriotischem Musical und nordkoreanischer Militärparade. Es funktioniert!

Wir machen das hier gar nicht schlecht in Singapur, so etwas in der Art ist mir kürzlich herausgerutscht. Wir! Es wird Zeit, mal wieder die Heimat Deutschland zu besuchen.

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