Häuser am Staudamm | Bildquelle: Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio I

Ilisu-Damm in der Türkei Hasankeyf - der Stausee schluckt alles

Stand: 18.04.2020 11:37 Uhr

Seit mehreren Monaten läuft das Wasser in den Stausee des Ilisu-Damms in der Türkei. Viele Kulturschätze sind bereits untergegangen. Ein ARD-Team hat einen Damm-Gegner der ersten Stunde begleitet.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Der Umweltschützer Ulrich Eichelmann ist entsetzt. Von der einst so malerischen Stadt Hasankeyf sind nur noch Ruinen zu sehen. Viele Häuser sind bereits im Wasser des mesopotamischen Flusses Tigris versunken. Das sei ein Verbrechen, was hier von Wasser überdeckt werde, sagt Eichelmann. Denn hier versinke eine der wertvollsten Siedlungen und Stätten der Menschheit.

Seit Herbst vergangenen Jahres staut der gigantische Ilisu-Damm den Tigris. Jeden Monat kam das Wasser der Stadt gefährlich näher. Der türkische Staat ließ historische Bauten, wie eine jahrhundertealte Moschee und das Grabdenkmal eines Logistikunternehmens in einen Geschichtspark an den Rand der Retortenstadt Neu-Hasankeyf versetzen. Doch Hunderte Wohnhöhlen, in denen bis in die 1990er-Jahre noch Familien gelebt hatten, sind untergegangen, ebenso wie zwei mehr als 1000 Jahre alte Brückenpfeiler. Die Brücke über diesen Pfeilern sei Teil der Seidenstraße gewesen, berichtet Eichelmann.

Ulrich Eichelmann fotografiert den Staudamm | Bildquelle: Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio I
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Eichelmann dokumentiert das Ansteigen des Wassers.

Häuser am Staudamm | Bildquelle: Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio I
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Die teils historisch bedeutende Stadt wird untergehen.

Türkei finanzierte allein

Er war vor 15 Jahren eine der Schlüsselfiguren des Widerstands gegen den Bau des Staudamms. Aufgrund seiner Aktionen zogen im Jahr 2009 Deutschland, Österreich und die Schweiz Kreditbürgschaften für am Staudammbau beteiligte Unternehmen zurück. Doch der türkische Staat unter der Führung des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan stemmte den Bau im Alleingang.

Ein Juwel im Tigristal

Im Laufe der Jahre drehten ARD-Teams immer wieder in Hasankeyf. Im Archiv des ARD-Studios Istanbul liegen Aufnahmen aus den 1990er-Jahren. Damals war die kleine Stadt noch unberührt - ein Juwel des Tigristals. Zum ersten Mal siedelten sich hier vor 12.000 Jahren Menschen an, sagen Archäologen. Mehrere Hochkulturen kamen und gingen. Im Boden rund um Hasankeyf liegen Artefakte von unschätzbarem Wert. Doch der Tigris verschluckt in diesen Tagen alles.

Diese Luftaufnahme aus dem Februar 2020 zeigt die Dimension des Staudamm-Projekts. | Bildquelle: AFP
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Diese Luftaufnahme aus dem Februar 2020 zeigt die Dimension des Staudamm-Projekts.

Abschiedsreise nach Hasankeyf

Im März, kurz bevor der türkische Staat aufgrund der Corona-Pandemie auch Inlandsreisen verbot, dreht die ARD die letzten Aufnahmen vor Ort und begleitet Eichelmann. Brücke und Zufahrtsstraße nach Hasankeyf stehen zu diesem Zeitpunkt bereits unter Wasser. Der Umweltschützer und das ARD-Team gelangen über Schleichwege nach Hasankeyf und finden eine Geisterstadt in Trümmern vor.

Die Bewohner sind gezwungenermaßen nach Neu-Hasankeyf oder in andere Orte umgezogen. Sie haben alles Verwertbare wie Fenster, Türen, Holz und Stahl aus den Häusern herausgerissen. Eine gespenstische Ruhe liegt über der Stadt.

Wasser, Strom, Erdöl

Eichelmann erzählt, anfangs sei es bei dem Staudammprojekt um Stromgewinnung gegangen. Damals hatten türkische Ingenieure die Idee, den Tigris zu stauen. Inzwischen habe der Staat den Damm gebaut, um das in den Irak fließende Wasser zu kontrollieren. Es ginge um Wasser gegen Öl und damit um geostrategische Fragen, so Eichelmann.

Hasankeyf - Eine Stadt versinkt
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
18.04.2020 15:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das Erste im Weltspiegel am 18. April 2020 um 16:30 Uhr.

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