Hariri kommt zur Militärparade anlässlich des Nationalfeiertags in Beirut. | Bildquelle: REUTERS

Rückkehr in den Libanon Große Herausforderungen für Hariri

Stand: 22.11.2017 10:45 Uhr

Zwei Wochen der Ungewissheit liegen hinter den Menschen im Libanon. Nun ist Regierungschef Hariri nach Beirut zurückgekehrt, nachdem er in Saudi-Arabien seinen Rücktritt erklärt hatte. Die Libanesen erhoffen sich Lösungen für die Konflikte. Nun zeigte er sich erstmals wieder in der Öffentlichkeit.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. Beirut

"Kuluna mak" - "Wir sind alle mit Dir" - So heißt es in Beirut überall auf Postern und Banderolen mit dem Bild von Saad al-Hariri. Jetzt ist er wieder mit ihnen - den Libanesen: Hariri ist nach Beirut zurückgekehrt. Seine Anhänger begrüßten ihn mit Autokorsi und Hupkonzerten.

"Es ist ein schöner Tag, der Tag des Vaterlandes", sagt ein Frisör, der in dem Viertel von Beirut arbeitet, in dem auch die Hariris meistens sind, wenn sie sich in der libanesischen Hauptstadt aufhalten. "Es ist ein Tag, an dem jeder zeigt, dass ihm sein Vaterland am Herzen liegt", fährt er fort.

Welch passender Anlass für Hariris Heimkehr: Die Libanesen gedenken des Tages, an dem sie vor 74 Jahren unabhängig wurden. Da musste Hariri geradezu wieder in den Libanon kommen, um politische Eigenständigkeit zu demonstrieren: In dem kleinen Mittelmeerland leben mehr als ein Dutzend Religionsgruppen zusammen, die alle auch im Parlament vertretene Parteien haben.

Anhänger Hariris feiern seine Rückkehr mit Autokorsi | Bildquelle: AFP
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Anhänger Hariris feiern seine Rückkehr in Beirut

Für die Innenpolitik heißt das, dass ständig Kompromisse gefunden werden müssen. Obendrein nutzen die verschiedenen Regionalmächte einige der Religionsgruppen immer wieder, um ihre Konflikte auszutragen. Zum Beispiel der Iran die Schiiten und Saudi-Arabien die Sunniten. Hariri steht als Sunnit auf der Seite Saudi-Arabiens. Im Zuge seiner Rücktritterklärung hatte er dem Iran vorgeworfen, sich im Libanon einzumischen, und zwar über die schiitisch-libanesische Hisbollah.

Die Beschuldigten weisen das weit von sich und zeigen ihrerseits mit dem Finger auf Saudi-Arabien. Dessen Führung habe Hariri zum Rücktritt gezwungen und ihn danach festgehalten.

Hoffnung und Zweifel

Unbestritten ist jedenfalls - so der Friseur im Viertel der Hariris und viele andere - dass immer schon fremde Kräfte im Libanon aktiv waren: "Ja, es versuchen sich immer wieder Kräfte einzumischen. Daher musste Hariri zurückkehren, um die Parade zum Unabhängigkeitstag verschönern. Aber es muss auch tatsächlich einen geeinten Libanon geben. Die Probleme mit Syrien, dem Jemen, Saudi-Arabien sind nicht unsere Sache. Er ist gekommen, um das zu lösen."

Neben dem Friseur-Salon ist ein Supermarkt, aus dem soeben eine Frau kommt. Sie erwartet nichts von Hariri: "Was immer er sagt, das wird nicht umgesetzt. Ich erwarte nichts von ihm."

Immerhin hatte Hariri angekündigt, seine weiteren politischen Pläne zu erläutern, wenn er wieder im Libanon ist, aber wie die Pläne in ihren Grundzügen aussehen, ist bisher noch unbekannt.

Ist und bleibt Hariri Regierungschef?

Ein junger Mann ist hingegen zuversichtlich, dass Hariri im Amt bleibt: "Weil er erklärt hat, den Libanon zu erneuern, musste er wieder zurückkommen und muss jetzt auch Regierungschef bleiben."

Doch ist das möglich, so, als wäre nichts geschehen - der Rücktritt vom erklärten Rücktritt als Regierungschef?

Hariri steigt in Beirut aus dem Flugzeug | Bildquelle: dpa
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Nach seiner Ankunft in Beirut ...

Hariri bei seiner Ankunft in Beirut | Bildquelle: dpa
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... betete Hariri am Grab seines Vaters.

"Ja, das ist möglich", sagt Karim al-Makdisi, Professor für Politikwissenschaft an der renommierten Amerikanischen Universität Beirut. Hariri sei formal noch Regierungschef:

"Der Präsident hat seinen Rücktritt nicht angenommen, deshalb bleibt er Regierungschef. Wenn er hier zurücktritt, würde das akzeptiert. Aber ich denke, er wird versuchen, etwas auszuhandeln. Wenn er dann nichts erreicht, wird er wahrscheinlich noch einmal zurücktreten."

Tauschgeschäft für Ruhe im Libanon?

Möglicherweise, so Makdisi und andere Analytiker im Libanon, wird Hariri eine Liste mit Forderungen der Saudis übermitteln, zum Beispiel zum künftigen Umgang der Libanesen mit dem Iran oder wie sich die Hisbollah als iranische Partnerin im Libanon künftig verhalten soll. Etwas Ähnliches hatte Saudi-Arabien schon im Streit mit dem Emirat Katar versucht, allerdings vergeblich.

"Es gibt viel Unsicherheit, über das, was er präsentierten wird: Wird er eine pro-saudische Position einnehmen, weil er von den Saudis unter Druck gesetzt wird? Oder wird er sich kompromissbereit zeigen, um mit dem Präsidenten und vielleicht mit der Hisbollah etwas auszuhandeln - etwas, hinter dem alle stehen können und aus dem er herauskommt und wieder aussieht wie ein Staatsmann und Führer", sagt Makdisi.

Zum Beispiel könnte es sein, dass die Hisbollah und ihr Verbündeter Iran sagen, dass sie für Ruhe in einem anderen Stellvertreterkonflikt sorgen wollen: im Jemen. Auf der Skala dessen, was dem Iran wichtig ist, dürfte der Libanon sehr weit oben, der Jemen jedoch ganz unten stehen. Für die Saudis mag es umgekehrt sein - jedenfalls kostet sie der seit zweieinhalb Jahren tobende Krieg im Jemen viel Geld. Jemen gegen Libanon - ein Tauschgeschäft, das Ruhe bringen könnte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. November 2017 um 04:58 Uhr.

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