Peter Handke | Bildquelle: AFP

Handke in Stockholm Auftritt in eisiger Atmosphäre

Stand: 06.12.2019 17:19 Uhr

Wegen seiner Haltung im Jugoslawienkonflikt steht der Schriftsteller Peter Handke seit Jahrzehnten in der Kritik. Nun, als designierter Literaturnobelpreisträger, trat er in Stockholm vor die Presse.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Die Atmosphäre war seltsam, von Anfang an. Ein angespannter Peter Handke, Vertreter der Schwedischen Akademie, dazu viele Journalisten im Saal mit den erwartbar kritischen Fragen, aber erst einmal siegte die schwedische Höflichkeit. Alle gratulierten Handke zum 77. Geburtstag und sangen ihm ein Ständchen.

Feierboykott wegen Handke

So weit, so nett, doch das änderte sich. Auch in Schweden wird aufgeregt über Handke gestritten, über seine Positionen zum Jugoslawien-Konflikt. Erst kurz vor der Pressekonferenz meldeten die Medien, dass Peter Englund, ein langjähriges Mitglied der Schwedischen Akademie, wegen des umstrittenen Preisträgers die Feierlichkeiten der Nobelwoche boykottiert, alles andere sei aus seiner Sicht Heuchelei.

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Peter Handke: "Ich mag Literatur, nicht Meinung."

Weiter offen für Versöhnungsgeste

Fragen nach seinen Positionen wies Handke zurück, die Pressekonferenz sei nicht der Ort, darüber zu reden. Um es indirekt dann aber doch zu tun. "Ich habe nie eine Meinung gehabt, ich hasse Meinungen. Ich mag Literatur, nicht Meinung!" Und dann ging es um die, die ihn vielleicht nicht gleich hassen, die ihm aber doch sehr kritisch gegenüberstehen. Wie er darauf auch hier in Stockholm reagieren wolle, wurde er gefragt und konterte zunächst mit der Gegenfrage: "Wie sollte ich das denn tun?" Keine Antwort, natürlich nicht, also erinnerte sich Handke an einen Besuch in der norwegischen Hauptstadt Oslo vor ein paar Jahren.

"Da wurde viel geschrien: 'Faschist, Faschist'. Ich bin angehalten, wollte mit den Damen und Herren reden. Aber sie wollten nicht mit mir sprechen!"

Er habe gehört, dass Handke eine Art Versöhnungsgeste im Kopf habe, fragte ein Reporter. Und nach anfänglichem Zögern räumte Handke ein, er habe zwei Mütter treffen wollen, keine Organisationen. Zwei einsame Mütter, die ihre Kinder im Krieg verloren hätten, eine auf der serbischen, eine auf der muslimischen Seite. Aber das sei nicht möglich, habe man ihm gesagt. Er sei aber weiter offen.

"Eine Kalligraphie von Kot"

Die Atmosphäre im Saal war inzwischen einigermaßen eisig geworden. Erst Verteidigung, dann Angriff:  Handke betonte, er habe in den vergangenen Wochen viele wunderbare Briefe bekommen, die ihm Leser von Herzen geschrieben hätten. Nur einer sei anonym gewesen. Darin sei Toilettenpapier gewesen, eine Art Kalligraphie von Kot. "Und ich sage allen von ihnen, die mir Fragen stellen wie es der Mann getan hat, mir ist ein anonymer Brief mit Klopapier lieber als ihre leeren und schändlichen Fragen."

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Am Dienstag bekommt Handke den Literaturnobelpreis überreicht.

50.000 Unterschriften gegen Handke

Das war‘s. Bevor die Stimmung endgültig kippen konnte, kam der Hinweis auf die abgelaufene Zeit der Pressekonferenz, leider natürlich. Handke verschwand. Er wird aber schon morgen wieder auftreten und die für Nobelpreisträger obligatorische Vorlesung halten. Am Dienstag bekommt er dann mit allen anderen Preisträgern in einer feierlichen Zeremonie seine Auszeichnung. Kritiker haben Proteste angekündigt, unter anderem Teufica Sabanovic, Sprecherin eines Aktionsbündnisses, das um die 50.000 Unterschriften für ein Manifest gegen Handke gesammelt hat. Sie sagte, sie träumten davon, dass entweder der König ihm den Preis nicht überreicht oder dass er ihn nicht entgegen nimmt. Doch schweigen könnten sie einfach nicht.

Angriff und Verteidigung? Handke vor der Presse in Stockholm
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
06.12.2019 17:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Dezember 2019 um 16:12 Uhr.

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