Wiederaufbau ins Stocken geraten "Es wird noch sehr lange dauern"

Stand: 16.07.2010 15:28 Uhr

Seit dem Erdbeben vor einem halben Jahr leben in Haiti viele Menschen noch immer in provisorischen Unterkünften. Der Wiederaufbau stockt, weil ungeklärte Eigentumsverhältnisse, Bürokratie und Korruption die Arbeit erheblich verlangsamen, heißt es in Helferkreisen.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko, zzt. in Haiti

Im Obdachlosencamp direkt neben dem eingestürzten Präsidentenpalast im Zentrum von Port-au-Prince hat sich seit dem Beben am 12. Januar nicht viel verändert: Einige Plastiktoiletten stehen hier am Rand des Lagers, außerdem gibt es ein paar Wasserhähne für die mehreren tausend Bewohner. "Ich weiß nicht, wie lange wir noch in diesem Lager bleiben werden. Wir sind hier seit Januar und bisher hat uns noch niemand gesagt, wo wir hingehen können. Ich glaube, es wird noch sehr lange dauern", sagt Madeleine Denis, die mit ihrer Mutter in dem Camp wohnt.

Provisorische Unterkunft vor den Ruinen des Präsidentenpalastes in Port-au-Prince
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Überall in Port-au-Prince - wie hier beim zerstörten Präsidentenpalast - gibt es provisorische Unterkünfte.

700.000 Menschen hausen provisorisch

Mehr als 700.000 Menschen leben nach UN-Angaben nach wie vor in den Camps. Überall stehen weiße oder blaue Zelte und notdürftig zusammengezimmerte Hütten. Von Wiederaufbau sieht man fast nichts. Jürgen Schübelin arbeitet für die Kindernothilfe in Haiti und seine Bilanz ist ernüchternd: "Wir sind überhaupt nicht zufrieden mit der Geschwindigkeit, mit der hier der Wiederaufbau vorangeht. Das beschwert uns ungemein. Wenn man durch diese Stadt fährt, spürt man einfach, dass ein halbes Jahr danach an den allerwenigsten Orten die Trümmer abgetragen sind."

Zehntausende Helfer aus aller Welt sind immer noch im Katastrophengebiet unterwegs. Aus den USA und Kuba, aus den EU-Staaten und Bangladesch. Allein die UN-Mission Minustah hat mehr als 13.000 Blauhelmsoldaten und Polizisten im Einsatz - sie sollen für Sicherheit sorgen. Zudem koordinieren die Vereinten Nationen die humanitäre Hilfe.

Prognosen bleiben vage 

Sarah Muscroft, Leiterin des Koordinierungsbüros in Port-au-Prince, weist Kritik zurück, dass die Hilfe und der Wiederaufbau zu langsam gehen: "In den ersten drei Monaten haben viereinhalb Millionen Menschen Nahrungsmittel bekommen. Wir stellen jeden Tag die Wasserversorgung sicher, wir haben Lichter in die Camps geliefert und vieles mehr. Natürlich wohnen die meisten Leute noch in den Lagern. Aber es wird noch sehr lange dauern, bis wir dafür eine dauerhafte Lösung haben."

Arbeiter in einer Ruine von Port-au-Prince
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Mit "Cash-for-Work"-Programmen sollen die Menschen Arbeit bekommen und zeitgleich die Ruinen verschwinden.

Immerhin dürfte die medizinische Versorgung inzwischen besser sein als vor dem Beben - zumindest für die vielen Armen im Land. Aber nach Zahlen der Vereinten Nationen besucht nur jedes dritte Kind in den Lagern eine Schule. Die große Mehrheit der Haitianer ist ohne Job - trotz der sogenannten Cash-for-Work-Programme, um den Schutt wegzuräumen.

Viele Hürden für den Aufbau 

Ruine in Port-au-Prince
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Wem gehören die Ruinen-Grundstücke, wenn der letzte Eigentümer beim Erdbeben starb?

Von den geplanten 125.000 festen Übergangsunterkünften aus Holz oder Plastikteilen stehen gerade einmal 3300. Ein Grund dafür seien die ungeklärten Eigentumsverhältnisse auf vielen Grundstücken, sagen UN-Vertreter. Ausländische Helfer beklagen die Bürokratie der haitianischen Behörden. So würden im Hafen von Port-au-Prince Hilfsgüter wochenlang liegen bleiben. Viele Offizielle versuchten sich zu bereichern. Präsident René Preval habe die Lage nicht im Griff, heißt es.

Haiti

Am Nachmittag des 12. Januar 2010 wurde der karibische Inselstaat Haiti von einem Erdbeben der Stärke 7,0 erschüttert. Schätzungen zufolge starben dabei 230.000 Menschen, rund 100.000 wurden verletzt. Unmittelbar nach dem Beben wurden mehrere Hunderttausend Obdachlose und Flüchtlinge gezählt. Die ohnehin sehr schwache Infrastruktur wurde weitgehend zerstört.

Das Beben fiel unter anderem deshalb so verheerend aus, weil das Epizentrum unweit der Hauptstadt Port-au-Prince lag - einem der am dichtesten besiedelten Gebiete des Landes. Die Schäden durch das Beben werden auf acht Milliarden Dollar geschätzt. Dabei zählt Haiti seit Jahrzehnten zu den ärmsten Staaten der Welt - zwei Drittel der insgesamt etwa 9,9 Millionen Einwohner leben von weniger als zwei Dollar am Tag.

Für den Wiederaufbau sind für die nächsten zehn Jahren rund 11,5 Milliarden Dollar veranschlagt. Dafür starteten die Vereinten Nationen den größten Spendenaufruf ihrer Geschichte. 59 Staaten und Institutionen sagten bei einer Geberkonferenz in New York Hilfen in Höhe von fast 10 Milliarden Dollar zu.

Die haitianische Regierung wiederum fordert, Geld für ihren Wiederaufbauplan bereitzustellen. Auf einer Geberkonferenz wurden zwar zehn Milliarden US-Dollar zugesagt. Unklar aber ist, wie viel davon tatsächlich nach Haiti fließt.

Angst vor Verschärfung der Situation

Richard Widmaier
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Warnt vor unkalkulierbaren Folgen: Radio-Chefredakteur Richard Widmaier.

Die Stimmung im Land ist gereizt, im Mai gab es mehrere Demonstrationen gegen Präsident Preval. Richard Widmaier, Chefredakteur des angesehenen Senders Radio Metropole, beklagt, dass die Chance bisher vertan wurde, die Katastrophe für einen Neustart des Landes zu nutzen: "Es geht eher abwärts. Und wenn die Dinge jetzt nicht erledigt werden, kann das unkalkulierbare Folgen haben."

Schon bald könnte sich die Lage in dem Camps verschärfen. Denn die Regenzeit hat begonnen, jetzt drohen Tropenstürme. Die meisten Notlager sind dafür längst nicht gerüstet - jetzt, ein halbes Jahr nach dem Erdbeben.

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