Männer transportieren Schutt in Schubkarren

Wiederaufbau nach Erdbeben "Korruption ist der größte Feind Haitis"

Stand: 22.05.2010 06:38 Uhr

Es war eines der folgenschwersten Erdbeben: Mehr als 220.000 Menschen kamen in Haiti im Januar ums Leben, über eine Million wurden obdachlos. Nun reist Entwicklungsminister Niebel in die Region, um sich ein Bild des Wiederaufbaus zu machen.

Michael Castritius

Von Michael Castritius, ARD-Hörfunkstudio Mittelamerika

Überall in Port-au-Prince und im schwer getroffenen Süden Haitis sind Trupps damit beschäftigt, Schutt abzutragen. Denn von Wiederaufbau kann noch lange keine Rede sein. Erst einige Trümmerberge sind beseitigt. Die Nothilfe soll nach und nach auslaufen, außer für die Bedürftigsten. Schließlich muss auch der Wirtschaftskreislauf langsam wieder in Gang kommen, wenn es alles umsonst gibt, kann das nicht klappen.

Diese erste Etappe wertet Marcel Stössel, Koordinator der Hilfsorganisation Oxfam, insgesamt positiv: "Im Großen und Ganzen kommt die Hilfe an." Es habe nach dem Erdbeben keine Epidemien und keine Hungersnot gegeben. "Und das ist doch auch ein Erfolg der Haitianer, die sich selbst geholfen haben. Es war aber auch ein Erfolg der internationalen Hilfsoperation, dass es nicht zu einer zweiten Katastrophe kam." Zumindest ist das noch nicht geschehen, denn die Regenzeit hat begonnen, die Hurrikan-Saison mit ihren noch heftigeren Wasserfluten steht bevor. Erst für einen kleinen Teil der 1,3 Millionen Obdachlosen konnten Notunterkünfte gebaut werden. In solchen Hütten wollen Entwicklungsminister Dirk Niebel und sein Pressetross ihre einzige Nacht in Haiti verbringen.

Männer transportieren Schutt in Schubkarren

Die Trümmer des Erdbebens werden beseitigt. UN-Experten beziffern die Schäden des Bebens auf sieben Milliarden Dollar.

Landwirtschaft soll Wirtschaftskreislauf in Schwung bringen

Probleme bereiten die oft ungeklärten Besitzverhältnisse des Landes, auf dem gebaut werden könnte. Und viele Gelände sind zu weit außerhalb der Hauptstadt, da hätten die Umgesiedelten keine Einkommensmöglichkeiten. Michael Kühn von der Welthungerhilfe nennt die wichtigsten Schritte, die getan werden müssen, um Haiti voran zu bringen: "Erstens, möglichst viel Leute in Jobs bringen und das Zweite ist, möglichst lokal zu produzieren, damit wenigstens im landwirtschaftlichen Bereich so etwas wie ein Wirtschaftskreislauf in Schwung kommt." Dafür werde massiv an der Verbesserung der landwirtschaftlichen Basisinfrastruktur gearbeitet. "Wir versuchen bäuerliche Kooperativen oder Bewässerungskomitees so zu stärken, dass sie in der Lage sind, Bewässerungssysteme intelligent anzuwenden und den Ertrag, aus dem Verkauf der lokalen Produkte so hoch wie möglich zu gestalten."

Aufbau einer Mittelschicht

So könnten die Haitianer ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen - zunächst unter internationaler Kontrolle, meint auch Reginald Boulos, Präsident der Industrie- und Handelskammer. Sein Verband hat dazu Punkte erarbeitet, die in den Wiederaufbau-Plan der Regierung eingeflossen sind. Als wichtigsten Punkt sieht dieser den Aufbau einer Mittelschicht vor: "Mit Mittelschicht sind Hunderttausende kleine Unternehmen gemeint. Wir haben hier fünf Sektoren, die eine Schlüsselrolle für die Entwicklung spielen müssen: Landwirtschaft, Geflügel- und  Rinderzucht, Textilindustrie, Tourismus und jetzt, nach dem Erdbeben, Hausbau und Stadtentwicklung", so Boulos.

Kampf gegen die Korruption 

Boulos unterstreicht, dass der Aufbau des zerstörten Armenhauses Haiti einen langen Atem braucht. Vorschnelle Urteile, der Wiederaufbau komme nicht in Gang, gingen an der Realität des Landes vorbei. Kritik muss sich allerdings Präsident René Préval gefallen lassen, der die Menschen nach dem Beben lange im Stich ließ - und jetzt eine Verlängerung seiner Amtszeit durchsetzte. Charles Baker, der bei der eigentlich im November angesetzten Präsidentenwahl kandidieren wollte, ist empört: "Es braucht nun eine Regierung, die für die Haitianer arbeitet, und nicht drei Viertel des reinkommenden Geldes stiehlt." Venezuela habe zum Beispiel 150 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. "Bis heute weiß niemand, was damit passiert ist. Korruption ist der größte Feind Haitis. Und die Korruption geht von der eigenen Regierung aus."

Haitis Präsident Preval und Premierminister Bellerive bei einer Gedenkveranstaltung

Haitis Präsident Préval ließ sich seine Amtszeit verlängern.