Unruhen in Haiti

Fünf Jahre nach dem Erdbeben Haiti zwischen Fortschritt und Protest

Stand: 08.02.2016 09:22 Uhr

Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben sind in Haiti viele der Schäden beseitigt. Doch das Land ist noch immer auf internationale Hilfe angewiesen. Am Jahrestag des Bebens einigten sich Regierung und Opposition auf baldige Neuwahlen.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko-Stadt, zzt. in Port-au-Prince

Das Zentrum von Port-au-Prince wirkt ziemlich lebendig: Die bunten Taptap-Busse schieben sich durch die verstopften Straßen, Schuttberge sind kaum noch zu sehen, überall Händler, die Reis, Kleider oder CDs verkaufen.

Monsieur Andre steht vor seinen Gewürzsäcken und zählt die wenigen Dollar und Gourdes-Scheine, die er hat. Die Lage ist durchwachsen, sagt er: "Mal kommen Kunden, mal nicht. Manche Tage sind schon sehr schlecht. Die Leute haben einfach kein Geld. Aber ich kann ja nicht zu Hause bleiben." Das Leben in Haitis Hauptstadt ist ein täglicher Überlebenskampf. So wie Monsieur Andre geht es den meisten Haitianern: Kaum einer hat eine richtige Arbeit, die Armut ist unübersehbar, viele leiden an Unterernährung.

In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince protestieren die Menschen seit Tagen gegen die Regierung.
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In Port-au-Prince protestieren die Menschen seit Tagen gegen die Regierung.

Dabei hat sich seit dem Erdbeben durchaus was getan: Neue, einfache Siedlungen sind entstanden, die meisten Obdachlosenlager aufgelöst. Nach der Katastrophe lebten dort 1,5 Millionen Menschen, etwa 70.000 sind es jetzt noch. Oft bekamen die Leute Geld, um sich etwas Neues zu suchen, manchmal wurden sie von den Grundstückeigentümern aber auch einfach vertrieben.

Dem haitianischen Staat fehlt das Geld

Peter de Clercq, der stellvertretende Leiter der UN-Mission Minustah, betont, dass es gelungen sei, die Lage im Land zu stabilisieren. Es gäbe einige Erfolge: "Wir sehen große Fortschritte im Bereich Gesundheit und Bildung. Die Leute haben nun mehr Zugang zu medizinischer Versorgung und es gibt auch deutlich mehr Schulen. Aber dem haitianischen Staat fehlt das Geld, diese Einrichtungen zu betreiben. Das Land ist daher nach wie vor auf Hilfe von außen angewiesen."

Mehr als zehn Milliarden US-Dollar hatte die internationale Staatengemeinschaft direkt nach dem Erdbeben versprochen. Die großen Länder haben ihre Zusagen nach UN-Angaben bisher zu rund 75 Prozent erfüllt. Das Geld wird aber immer weiter heruntergefahren. Ziel sollte es eigentlich sein, dass Haiti auf eigenen Füßen steht. Genau das ist bisher aber nicht gelungen.

Der Neustart war wohl eine Illusion

Direkt nach der Katastrophe hofften viele, dass der ärmste Staat der westlichen Hemisphäre dank der Milliarden einen echten Neustart hinlegen könnte. Wohl eine Illusion, wie man jetzt sieht: Immer gibt es nun Proteste - die zum Teil auch in Gewalt enden. Die Demonstranten fordern den Rücktritt von Präsident Michel Martelly.

Der Musiker und Geschäftsmann war 2011 ins Amt gekommen, wollte die Wirtschaft vor allem mit Hilfe ausländischer Investoren ankurbeln. Aber die halten sich zurück, das Wachstum von rund vier Prozent ist zu gering für einen echten Sprung nach vorne. Martelly beschwört seinen Weg: "Wir dürfen nicht in Provokationen und Gewalt verfallen. Das Land kommt langsam voran. Wir brauchen Dialog, damit wir diesen Weg weitergehen können."

Neuwahlen bis Ende des Jahres

Zumindest die politische Krise wurde nun in letzter Minute abgewendet. Martelly und die Opposition haben sich darauf verständigt, die längst überfälligen Parlamentswahlen bis Ende des Jahres abzuhalten. Dann muss auch der Präsident neu gewählt werden. Außerdem soll nun eine Einheitsregierung geschaffen werden, um die Wahlgänge vorzubereiten.

Seit Monaten hatte Haitis Politik über das Thema gestritten, die Erfordernisse des weiteren Wiederaufbaus waren dabei in den Hintergrund getreten. Haitis Führungszirkel sind vor allem mit sich selbst beschäftigt - zum Schaden der vielen Armen im Land.

Haiti - Fünf Jahre nach dem Erdbeben
M. Polansky, ARD Mexiko-Stadt
08.02.2016 09:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Januar 2015 um 12:00 Uhr.

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