Istanbul  | dpa

Türkei Was wird aus der Hagia Sophia?

Stand: 03.07.2020 04:56 Uhr

Museum oder Moschee? Der künftige Status der Hagia Sophia entscheidet sich in den nächsten 15 Tagen. Solange gibt sich das Oberste Gericht der Türkei Zeit. Die Sache ist brisant und das liegt auch an Präsident Erdogan.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Auf dem Platz vor der Hagia Sophia ist kaum etwas los. Nur ein paar Gläubige mit Teppich unter dem Arm eilen zum Gebet. Seit Corona muss jeder seinen eigenen Gebetsteppich mitbringen. Nicht jeder will dabei in die kleine Moschee, die es, wenn auch etwas versteckt, an der Seite des Gebäudes gibt.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Günay führt seit 30 Jahre Besucher durch die Hagia Sophia. Die Schlange am Eingang ist praktisch der Gradmesser dafür, wie viele Touristen gerade in Istanbul sind. Denn das UNESCO-Weltkulturerbe ist eines der ersten Anlaufpunkte. Aber es gibt keine Schlange. Günay hat kaum was zu tun - wegen Corona.

Das Erste, was Besuchern in dem großen Innenraum ins Auge sticht, ist ein großes Baugerüst. Es gehört schon fast zum Inventar. Das 1500 Jahre alte Gebäude instand zu halten und zu restaurieren, verschlingt viel Geld.

900 Jahre orthodoxe Kirche, 500 Jahre Moschee, dann Museum

Günay bleibt unterhalb der Apsis stehen und deutet auf ein Mosaik: Ein Beispiel, wo Christentum und Islam ineinander übergehen. Mehr als 900 Jahre ist sie orthodoxe Kirche, dann noch mal knapp 500 Jahre Moschee. 1934 beschließt das türkische Kabinett unter Republikgründer Atatürk: Die Hagia Sophia wird zum Museum. Danach gibt es immer wieder den vergeblichen Versuch, sie in eine Moschee zurückverwandeln zu lassen.

Vergangenes Jahr scheint auch Präsident Erdogan noch dagegen zu sein. Die Moschee-Anhänger sollten es doch erstmal schaffen, dass die Blaue Moschee nebenan beim Gebet voll ist. Kritiker glauben, er ist umgeschwenkt, weil er die konservativ-islamische Wählerschaft bedienen will.

Erdogan während einer Pressekonferenz Ende März | AFP

Noch 2019 lehnte auch Erdogan die Moschee-Pläne für die Hagia Sophia ab. Bild: AFP

Erdogan klagt nicht selbst vor Gericht in Ankara. Es ist ein Verein. Der geht bei der Begründung zurück bis zu Mehmet II. Der Sultan regiert das Osmanische Reich im 15. Jahrhundert. 1453 erobert er Konstantinopel, also das heutige Istanbul, und besiegelt damit das Ende des Byzantinischen Reiches. Damals ist die Hagia Sophia eine Kirche.

Der Anwalt des klagenden Vereins Selami Karaman erklärt im türkischen Fernsehen: "Nach der Eroberung der Stadt Istanbul hat Sultan Mehmet II. die Hagia Sophia zur Moschee gemacht und in sein privates Eigentum eingetragen. Die Hagia Sophia ist demnach privates Eigentum des Eroberer-Sultans. Das haben wir auch auf der Gerichtsverhandlung vorgetragen. Die Entscheidung des Kabinetts im Jahre 1934 verstößt damit eindeutig gegen das Eigentumsrecht."

Maximal 15 Tage bis zur Entscheidung

Das Gericht hat 15 Tage Zeit mit seiner Entscheidung über den künftigen Staus der Hagia Sophia. Es entscheidet dabei aber nur, ob sie ein Museum bleibt. Wenn nicht, liegt es in der Hand der türkischen Regierung, ihren neuen Status festzulegen. Der Anwalt des Vereins zeigt sich optimistisch: "Wir erwarten und hoffen, dass das Oberverwaltungsgericht erkennt, dass es die Gesellschaft verletzt hat, dass die Hagia Sophia seit 86 Jahren als Museum genutzt wurde - und dass die türkische Bevölkerung jetzt ein entsprechendes Urteil von ihm erwartet."

Nur die Bevölkerung steht gar nicht so geschlossen hinter der Idee, aus dem Wahrzeichen der Stadt wieder eine Moschee zu machen. Das Thema ist ja nicht neu, meint dieser Mann: "Diese Diskussion hat es schon immer gegeben und wird es auch weiter geben. Aber ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass die Hagia Sophia wieder Moschee wird. Istanbul hat doch Bauwerke für alle Religionen, oder? Hier, bitte: die Blaue Moschee da drüben und hier die Hagia Sophia."

Auf dem Platz vor der "Blauen Moschee" in Istanbul haben sich zahlreiche Muslime mit Mundschutz zum Massengebet versammelt. | AFP

Gebet zu Corona-Zeiten vor der Blauen Moschee Bild: AFP

Die beiden liegen nur ein paar hundert Meter auseinander. Ein anderer Mann, der ebenfalls auf dem Platz zwischen den beiden historischen Gebäuden steht, hält dagegen: "Sie ist mittlerweile unser Erbe. Über 500 Jahre ist es her, dass die Stadt Istanbul erobert wurde. Darum sehe ich kein Problem, warum wir sie nicht wieder als Moschee einweihen."

Auch Politik unterschiedlicher Auffassung

Auch die Politik ist gespalten. Während Mitglieder von Erdogans islamisch-konservativer AKP überwiegend die Moschee zurück wollen, sieht es in der säkularen CHP ganz anders aus.

Der CHP-Abgeordnete Ibrahim Kaboglu argumentiert im türkischen Parlament: "Meiner Meinung nach sollte nicht nur der Topkapi Palast als Museum bewahrt bleiben, sondern auch die Hagia Sophia. Ja, und sogar die Blaue Moschee sollte Museum werden. Denn diese Kulturgüter gehören nicht mehr nur uns - sie sind heute das gemeinsame Erbe der ganzen Menschheit."

Es würde "Millionen Christen gegen den Islam aufbringen"

Beim orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. dürfte er damit auf offene Ohren stoßen. Er hat seinen Sitz in Istanbul. Diese Woche spricht er in einer Kirche in Istanbul über die Diskussion: "Eine mögliche Verwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee würde Millionen Christen in der ganzen Welt gegen den Islam aufbringen."

Papst Franziskus und der orthodoxe Patriarch Bartholomäus I. | null

Patriarch Bartholomäus I. mit Papst Franziskus (Archiv: 2014)

Für Bartholomäus ist die Hagia Sophia ein Platz und ein Symbol für Begegnungen und den Dialog sowie für das gegenseitige Verständnis zwischen Christentum und Islam. Sie solle ein Museum bleiben. Auch aus Griechenland und den USA gibt es diese Forderung. Präsident Erdogan verbiete sich ausländische Einmischung, sagt er:

Regiert Ihr etwa die Türkei? Die Türkei hat dafür Institutionen. Wenn sie sich überlegt, so einen Schritt zu gehen, dann entscheiden das Parlament und das Oberste Verwaltungsgericht. Da wird entschieden und wenn eine Entscheidung fällt, dann folgen wir ihr. Dafür lassen wir uns doch von Euch keine Erlaubnis geben, und wir fragen Euch auch nicht um Erlaubnis.

Reiseleiter Günay macht sich wenig Sorgen um seine Zukunft. Er hat schon viele ähnliche Diskussionen um den Status der Hagia Sophia miterlebt. Und er erzählt von anderen Kirchen am Schwarzen Meer, die Museum waren und jetzt wieder Moschee sind.

Über dieses Thema berichteten am 02. Juli 2020 Deutschlandfunk um 13:22 Uhr und die tagesthemen um 22:15 Uhr.