Gerichtszeichnung des ehemaligen mexikanischen Drogenbosses Guzman und seiner Frau Emma | Bildquelle: REUTERS

Prozess gegen "El Chapo" Folter, Tunnel und quadratische Unterhosen

Stand: 04.02.2019 11:55 Uhr

U-Boote voller Drogen, Tunnel unter der Badewanne, brutale Morde - im Prozess gegen den Drogenboss "El Chapo" Guzman hörten die Geschworenen Berichte, die ebenso schockierend wie filmreif waren. Heute nehmen sie ihre Beratungen auf.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Es war Isaias Valdez, der ehemalige Leibwächter von Joaquín Guzmán, dem mexikanischen Drogenboss und Angeklagten, der schaffte, was die 55 Zeugen zuvor nicht geschafft hatten: Er ließ mit seiner Aussage die Geschworenen blass werden und die Zuschauer geschockt zurück. "Selbst die Reporter hatten Probleme, diese Geschichten aufzuschreiben", sagt Emily Palmer, Gerichtsreporterin der "New York Times".

Valdez berichtete nicht vom Drogenschmuggel - 155 Tonnen sollen es gewesen sein. Er berichtete nicht von Drogengeldern im Wert von 14 Milliarden Dollar.

Stattdessen beschrieb er detailliert, wie Guzmán, genannt "El Chapo", aber auch "El Rapido" oder "Shorty", der "Kurze", eigenhändig Menschen umbrachte, folterte oder lebendig begraben ließ. Zwei Konkurrenten schoss der 61-Jährige in den Kopf und ließ sie anschließend ins Feuer werfen.

Der mexikanische Drogenboss Joaquin "El Chapo" Guzman (Archiv) | Bildquelle: dpa
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Im Januar 2017 war Guzmán an die USA ausgeliefert worden.

Folter mit dem Dampfbügeleisen

Der Zeuge Valdez schockierte einen Gerichtssaal, der bis dahin schon über hundert Stunden Zeugenaussagen gehört hatte. Doch hier erfuhren sie vom Mörder Guzmán, nicht vom Drogenboss. So detailliert, weil Valdez als Leibwächter stets dabei war: Etwa als Guzmán ein Opfer mit einem Dampfbügeleisen foltern ließ und man die Löcher der Dampfdüsen später auf der Brust des Opfers sehen konnte.

Es ist ein Jahrhundertprozess in New York. Zehn Anklagepunkte gibt es gegen den Mann, den die US-Justiz zum gefährlichsten Verbrecher in den USA erklärte. Ein Titel, den zuletzt Al Capone erhielt. Darunter: Drogenschmuggel, Geldwäsche, organisierte Kriminalität.

Schweigend sitzt Guzmán im Gerichtssaal, der Drogenboss, der zwei Mal aus Gefängnissen floh. Im Gericht in Brooklyn, das zur Hochsicherheitszone wurde, scheint er es beinahe zu genießen, seine Geschichte noch einmal erzählt zu bekommen. "Alle sind in den vielen Stunden dieses Mammutprozesses gelegentlich eingeschlafen - Geschworene, Staatsanwälte, Verteidiger. Nur einer nicht: 'El Chapo'", sagt Gerichtsreporterin Palmer.

Drogenschmuggel per U-Boot

Geschützt von US-Marschalls haben die Geschworenen alles erfahren: Guzmáns Vorliebe für quadratische, weiße Unterhosen, Größe 30. Sie hörten wie er einst nackt mit seiner Geliebten ins Badezimmer rannte, als ein Antiterrorteam sein Haus stürmte. Dort drückte er einen Knopf und die Badewanne hob sich hydraulisch, um einen Fluchttunnel freizugeben.

Sie hörten von Drogen, die sogar per U-Boot in die USA kamen. Sie hörten, dass Flugzeuge zu Spitzenzeiten drei Mal täglich acht Millionen Dollar Drogengeld, die Einnahmen aus den USA, zu "El Chapo" einflogen.

Geschichten wie aus einem Film. Dass der Hauptdarsteller der Netflix-Drogenserie, in der er "El Chapo" spielt, zuletzt als Zuschauer im Gerichtssaal saß und Guzmán seinem Filmdouble freundlich zuwinkte, passt ins Bild. Einer der seltenen Momente übrigens, indem der knapp 1,60 Meter kleine "El Chapo" Gefühle zeigte.

Guzmans Ehefrau Emma | Bildquelle: REUTERS
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Guzmáns Ehefrau Emma auf dem Weg in den Gerichtssaal in New York.

Todesstrafe ist ausgeschlossen

Ansonsten schrieb "El Chapo" mit, hörte zu. Seine 29-jährige Ehefrau Emma sah er jeden Tag. Auch sie verfolgte schweigend und scheinbar unbeteiligt die wilden Geschichten über Flucht, über Geliebte, über Morde und weiße Unterhosen.

Insgesamt 56 Zeugen fuhr die Anklage auf, spielte abgehörte Telefonate, Videos vor, ließ Kokainkisten und Raketenwerfer aus Guzmáns Waffenarsenal im Gerichtssaal aufbauen. Und die Verteidigung? Sie bot einen Zeugen und 30 Minuten Befragung. Nach den Schlussplädoyers haben ab heute die zwölf Geschworenen das Wort.

Schuldig oder nicht schuldig? Die Gerichtsreporterin der "New York Times" glaubt, die Jury werde nicht lang brauchen. Bei einem Schuldspruch erwartet Guzmán eine lebenslängliche Gefängnisstrafe. Über das genaue Strafmaß wird der Richter nach dem Verdikt der Geschworenen befinden.

Die gute Nachricht für "El Chapo": Die Todesstrafe ist ausgeschlossen. Das hatten die USA 2017 bei der Auslieferung von "El Chapo" Mexiko als Dank zugesagt.

   

Von Unterhosen, Tunneln und brutalen Morden - Der El Chapo-Prozess
Georg Schwarte, ARD New York
04.02.2019 10:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Februar 2019 um 07:44 Uhr.

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