Antonio Guterres | Bildquelle: AFP

Guterres in Grundsatzrede "Ungleichheit beginnt ganz oben"

Stand: 18.07.2020 18:31 Uhr

Ein neues globales Machtverhältnis - nicht weniger fordert UN-Generalsekretär Guterres in einer Grundsatzrede. Die Großmächte kritisierte er für nationale Alleingänge - nicht nur in der Corona-Krise.

UN-Generalsekretär António Guterres hat eine grundlegende Neuordnung der internationalen Machtverhältnisse durch Reformen gefordert, um globale Ungleichheit zu bekämpfen.

"Die Nationen, die sich vor mehr als sieben Jahrzehnten durchsetzten, haben sich geweigert, über die Reformen nachzudenken, die zur Änderung der Machtverhältnisse in internationalen Institutionen erforderlich sind", sagte Guterres bei einer Feier zum Nelson-Mandela-Tag in einer Videoansprache. Den Geburtstag des verstorbenen südafrikanischen Präsidenten nutzte Guterres für eine Grundsatzrede, in der er sich für ein "Neues Globales Abkommen" aussprach, das helfen solle, Macht, Reichtum und Chancen gerechter auf der Welt zu verteilen.

Schwierige Lage in Südafrika - Guterres fordert neues Abkommen
tagesschau 20:00 Uhr, 18.07.2020, Thomas Denzel, ARD Johannesburg

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"Neues Globales Abkommen"

Dieses neue Modell für globale Regierungsführung müsse auf einer "vollständigen, integrativen und gleichberechtigten Beteiligung an globalen Institutionen beruhen", forderte Guterres weiter. Dabei sei wichtig, dass vor allem die Entwicklungsländer mehr Gewicht bei der internationalen Entscheidungsfindung bekommen.

Zudem brauche es deutlich mehr Frauen in Führungspositionen, um auch Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu schaffen. Kolonialismus und die gesellschaftliche Dominanz von Männern seien die zwei Hauptursachen für Ungleichheit. Populismus, Nationalismus, Extremismus und Rassismus trügen außerdem zu ihr bei.

Kritik an Großmächten

Von den Großmächten erwartet Guterres deshalb mehr Einigkeit und kritisierte sie für ihre nationalen Alleingänge. Ihre Regierungen kämen bei den größten Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart oftmals nicht zu gemeinsamen Lösungen.

Als Beispiel nannte der UN-Chef das Stimmrecht des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen: Die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich sind Vetomächte des mächtigsten UN-Gremiums, das bei vielen Themen wie dem Syrien-Krieg blockiert ist, weil nichts gegen den Willen dieser fünf beschlossen werden kann. "Ungleichheit beginnt ganz oben: in globalen Institutionen. Die Bekämpfung der Ungleichheit beginnt mit der Reform", so der ehemalige sozialistische Premierminister Portugals.

Corona als Weckruf

Auch an der Coronavirus-Pandemie kam Guterres in seiner Rede nicht vorbei. Er verglich die Krise mit "Röntgenstrahlen" - sie habe die Brüche im fragilen Skelett der Gesellschaften offengelegt: "Die Lüge, dass entfesselte Märkte Gesundheitsversorgung für alle liefern könnten" und die "Täuschung, in einer Welt zu leben, die den Rassismus überwunden hätte".

Statt eines gemeinsamen Vorgehens gegen die Krankheit täten sich immer größere Gräben auf. "Denn während wir alle auf demselben Meer schwimmen, ist klar, dass sich einige in Superjachten befinden, während andere sich an treibende Trümmer klammern."

Guterres sagte, die Pandemie habe die "tragische Kluft" zwischen Partikularinteressen und öffentlichem Nutzen deutlich gemacht. Eine sich verändernde Welt brauche neue soziale Sicherungssysteme. Als Beispiele nannte Guterres eine allgemeine Krankenversicherung und die Möglichkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Zukünftig gemeinsam und zum Wohl aller?

Auch die weltweite Anti-Rassismus-Bewegung nach dem Tod von George Floyd in den USA sei ein Zeichen dafür, "dass die Menschen genug haben", so Guterres. Sie hätten genug von Ungleichbehandlung wegen ihrer Hautfarbe und Ungerechtigkeit, die Menschen ihrer fundamentalen Rechte beraube.

Guterres schloss mit den Worten: "Jetzt ist es an der Zeit, dass die führenden Länder sich entscheiden: Werden wir dem Chaos, der Spaltung und der Ungleichheit nachgeben? Oder werden wir die Fehler der Vergangenheit korrigieren und gemeinsam voranschreiten - zum Wohl aller?"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2020 um 19:00 Uhr.

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