Fethullah Gülen in seinem Haus in den USA | AFP

Gülen-Schulen unter Druck Umstritten, angesehen, elitär

Stand: 25.08.2016 06:03 Uhr

Lange waren Gülen-Schulen im Ausland ein wichtiges Mittel türkischer Außenpolitik. Durch den Konflikt zwischen Präsident Erdogan und dem Prediger gerieten auch diese unter Druck. Doch viele Staaten schützen die Schulen, da sie eine wichtige Rolle in den Bildungssystemen spielen.

Silvia Stöber tagesschau.de

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Sie gelten als prestigeträchtig und von hoher Qualität - die Bildungseinrichtungen der Gülen-Bewegung in Staaten von Afrika über Europa bis nach Zentralasien. Forderungen der türkischen Regierung nach Schließung dieser Einrichtungen stoßen in einigen Ländern auf großen Widerstand.

Denn viele Mitglieder der Eliten in Aserbaidschan oder Kirgistan wurden in den vergangenen Jahren an deren Schulen und Universitäten ausgebildet und schicken nun ihre Kinder dorthin.

Die Gülen-Einrichtungen füllen besonders im post-sowjetischen Raum Lücken in den schwach entwickelten Bildungssystemen, obwohl diese überwiegend säkular ausgerichtet sind. Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen strebt eine Gesellschaft im Einklang mit den Regeln des Islam an, nach außen hin gibt sie sich als "tolerant".

Zum Bildungskanon gehören Fremdsprachen, Naturwissenschaften und neue Technologien. Das Motto lautet: Muslime können dann mit dem Westen konkurrieren, wenn sie sich dessen wissenschaftliche Errungenschaften aneignen. In freier Marktwirtschaft, Demokratie und technischem Fortschritt sieht Gülen kein Problem.

Ein Soft-Power-Instrument der Türkei

Ein weiteres Ziel Gülens war es, der Türkei eine wichtige Rolle in den umliegenden Regionen zu verschaffen. Gute Chancen versprach man sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 in Staaten wie Aserbaidschan, in denen die Bevölkerung mit dem Türkischen verwandte Sprachen spricht und muslimischen Glaubens ist.

Da sich dieses Ziel schon damals mit den außenpolitischen Bestrebungen der Regierungen und den wirtschaftlichen Interessen der Geschäftsleute deckte, unterstützten sie den Ausbau der Gülen-Einrichtungen über viele Jahre im Ausland. Dies funktionierte umso besser, als die Partei AKP von Recep Tayyip Erdogan 2002 die Macht übernahm und ein Bündnis mit der Gülen-Bewegung einging.

"Die Gülen-Schulen dienten der Türkei als Soft-Power-Instrument", sagt der auf türkische Außenpolitik spezialisierte Wissenschaftler Bayram Balci. Er arbeitet an der Universität Sciences Po in Paris. "Im post-sowjetischen Raum, im Kaukasus und Zentralasien waren die Schulen sehr angesehen und elitär."

Schaden für die türkische Außenpolitik

Deshalb sei der „Krieg“ zwischen Erdogan und Gülen problematisch für die türkische Außenpolitik, so Balci: "Die Schulen werden darunter leiden. Die Soft Power der Türkei wird eingeschränkt."

Die Verbindung zwischen Erdogan und Gülen habe sich bereits abgeschwächt, als sie ihrem gemeinsamen Ziel nahekamen, die rivalisierenden Kemalisten in der Türkei zu schwächen. Der Bruch setzte ein, als Erdogan ab 2009 einen Kompromiss mit der kurdischen PKK suchte. Der stärker nationalistisch ausgerichtete Gülen war strikt dagegen und aktivierte seine Anhänger in der Justiz. Diese gingen gerichtlich gegen Erdogan und Geheimdienstchef Hakan Fidan vor, der die Gespräche mit der PKK organisierte, wie Balci sagt.

Auch in der Außenpolitik habe es Differenzen gegeben. So habe sich Gülen gegen die pro-iranische und anti-israelische Politik Erdogans gestellt. Offene Kritik Gülens und fehlende Solidarität seiner Anhänger habe Erdogan als eine Art Verrat empfunden, so Balci.

Eine Frage der Souveränität

Nach dem Putschversuch erhoben türkische Diplomaten auch im Ausland Forderungen, Gülen-Einrichtungen zu schließen. Um die Regierung Kirgistans unter Druck zu setzen, rief Außenminister Cavus Mevlet Cavusoglu persönlich seinen Amtskollegen in Bischkek an.

Dort aber waren Politiker, Journalisten und viele Abgänger von Gülen-Schulen empört. "Wir wollen daran erinnern, dass Kirgistan ein unabhängiges Land ist und wir imstande sind zu entscheiden, was gut und was schlecht für uns ist", hieß es in einer Stellungnahme des Außenministeriums in Bischkek. In Kirgistan gibt es 25 Schulen und eine Universität, die Gülen zugeordnet werden. Auch in Tadschikistan und Kasachstan unterrichten die Einrichtungen weiter.

Weniger scharf, aber ebenso deutlich antwortete die Regierung in Georgien auf Aussagen türkischer Diplomaten. Beide Seiten einigten sich darauf, dass es sich bei den türkischen Forderungen um ein Missverständnis gehandelt hat.

Bildungsminister Alexandre Jejelava betonte, dass die mit der Gülen-Bewegung verbundenen Einrichtungen in Einklang mit der Gesetzgebung und den Lehrplänen Georgiens unterrichten. Das christlich dominierte Georgien richtet seine Gesetze nach EU-Richtlinien aus und pflegt zugleich im Rahmen der NATO-Kooperation eine strategische Partnerschaft mit der Türkei.

Autokraten schließen Schulen

Dem Druck nachgegeben hat die Regierung im autoritär regierten Aserbaidschan, obgleich viele Abgänger der Universität und der Schulen weit in Führung des Landes aufgestiegen sind. Die Universität schloss bereits vergangenen Monat. Die Schulen wurden unter Regierungsaufsicht gestellt. Viele Dozenten verloren ihren Job – dies inmitten einer neuen Verhaftungswelle gegen regierungskritische Aktivisten.

Die autokratisch regierten Staaten Usbekistan und Turkmenistan schlossen die Gülen-Einrichtungen bereits vor einigen Jahren. Aus Turkmenistan hieß es dazu, man habe genug Eliten. In Russland wurden die Gülen-Schulen in den muslimisch geprägten Regionen im Jahr 2000 geschlossen, um den türkischen Einfluss zurückzudrängen. Das war kurz nach der Übernahme des Präsidentenamtes durch Wladimir Putin.

Sollten mehr Bildungseinrichtungen Gülens aus politischen oder finanziellen Gründen schließen müssen, würde dies in vielen Staaten einen Verlust bedeuten: "Diese Schulen bieten gute, moderne und säkulare Bildung. Die lokalen Eliten in Zentralasien und Afrika schicken ihre Kinder auf diese Schulen. Sie brauchen sie", sagt Türkei-Spezialist Balci. Er erwarte deshalb, dass die Schulen in vielen Ländern überleben werden, wenn auch womöglich in geänderter Form.

Für die türkische Regierung stellt sich die Frage, wie sie ihr Gesicht und zugleich den Vorteil wahren kann, dass viele Eliten in der Region Türkei-freundlich ausgebildet wurden. Denn inzwischen treten genau dort Russland und auch China in Konkurrenz zur Türkei.