Der Kontrollturm ist durch den Stacheldraht im Inneren des Gefangenenlagers Camp VI im Marinestützpunkt Guantanamo Bay zu sehen.  | dpa

Seit Bidens Amtsantritt Erster Guantanamo-Häftling entlassen

Stand: 19.07.2021 15:44 Uhr

Die Regierung von US-Präsident Biden hat zum ersten Mal einen Häftling aus dem umstrittenen Gefangenenlager Guantanamo entlassen und in seine Heimat überstellt. In dem Lager werden derzeit noch 39 Menschen festgehalten.

Rund sechs Monate nach Amtsantritt hat US-Präsident Joe Bidens Regierung erstmals einen Häftling aus dem Gefangenenlager Guantanamo an dessen Heimatland überstellt. Abdul Latif Nasir sei nach Marokko gebracht worden, weil er keine Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA mehr darstelle, erklärte das Verteidigungsministerium.

Obama wollte das Lager schließen

In Guantanamo Bay in Kuba verbleiben damit noch 39 Häftlinge. Das Lager war nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush errichtet worden, um mutmaßliche islamistische Terroristen ohne Prozess festzuhalten. Bushs Nachfolger, der Demokrat Barack Obama, wollte es schließen, scheiterte aber am Widerstand im US-Kongress. Der Republikaner Donald Trump wiederum wollte das Lager weiter offen halten.

Nun bemüht sich Obamas einstiger Vizepräsident, der heutige Präsident Biden, erneut um eine Schließung. Die US-Regierung setze auf einen "überlegten und gründlichen Prozess" zur "verantwortlichen Reduzierung der Zahl der Häftlinge", erklärte das Außenministerium.

Nasir sollte schon 2016 entlassen werden

Der nach Marokko überstellte Nasir war von dem politischen Hin und Her in den USA direkt betroffen: Eine unter Obama eingesetzte Kommission empfahl 2016 seine Entlassung. Die nötigen Schritte konnten aber nicht mehr vor dem Regierungswechsel erfüllt werden - und Trump lehnte Entlassungen aus dem Lager strikt ab.

Nasir erhielt die Nachricht von seiner geplanten Freilassung erstmals im Sommer 2016, als einer seiner Anwälte ihn in der Haftanstalt anrief und ihm mitteilte, die USA hätten entschieden, dass er keine Gefahr mehr darstelle und nach Hause gehen könne. Er dachte, er würde bald nach Marokko zurückkehren: "Ich bin seit 14 Jahren hier", sagte er damals. "Ein paar Monate mehr sind nichts."

Al-Quaida-Lager in Afghanistan

Nasir wurde laut seiner Pentagon-Akte in den 1980-er Jahren Mitglied einer gewaltlosen, aber illegalen marokkanischen islamischen Gruppe. 1996 wurde er rekrutiert, um in Tschetschenien zu kämpfen, landete aber in Afghanistan, wo er in einem Al-Qaida-Lager ausgebildet wurde. Nachdem er dort gegen US-Truppen gekämpft hatte, wurde er gefangen genommen und im Mai 2002 nach Guantánamo geschickt.

Ein nicht identifizierter Militärbeamter, der ernannt wurde, um Nasir vor dem Prüfungsausschuss zu vertreten, sagte, er habe in Guantanamo Mathematik, Informatik und Englisch studiert. Nasir bedauere zutiefst seine Handlungen der Vergangenheit und sei zuversichtlich, dass er wieder in die Gesellschaft integriert werden könne.

Haft oder Freilassung in Marokko

Das Pentagon machte keine Angaben dazu, ob Nasir in Marokko inhaftiert bleibt oder freigelassen wird. Marokko habe Sicherheitsgarantien gegeben und eine "menschliche Behandlung" Nasirs zugesagt, hieß es. Das Außenministerium dankte Marokko für die Bereitschaft, Nasir aufzunehmen und appellierte an andere Länder, ihre Staatsbürger, die im Ausland für Terrororganisationen gekämpft hätten, ebenfalls wieder aufzunehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2021 um 16:00 Uhr.