Gegenpräsident Juan Guaidó | Bildquelle: dpa

Juan Guaidó Das ist Maduros Herausforderer

Stand: 26.01.2019 10:53 Uhr

Guaidó ist der Star der venezolanischen Politik: Er hat es geschafft, die Opposition zu einen und viele Chavisten auf seine Seite zu bringen. Doch seine Strategie ist riskant.

Porträt von Markus Plate, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Er hat fast alle überrascht: Juán Guaidó, seit Anfang Januar Vorsitzender der Nationalversammlung Venezuelas, die vor zwei Jahren von Präsident Nicolás Maduro entmachtet worden war und dennoch weiter tagte.

Bis vor kurzem noch ein unbeschriebenes Blatt in der venezolanischen Politik, ist er nun, keine drei Wochen später, der von vielen ausländischen Regierungen anerkannte Übergangspräsident des südamerikanischen Landes.

Die oppositionelle Großdemonstration am Mittwoch nutzte der gerade 35-Jährige, um sich vor Zehntausenden Anhängern als legitimer Staatschef zu proklamieren - mit Verweis auf die Verfassung falle ihm das als Parlamentschef zu, da das Regime keine demokratische Legitimierung besitze:

"Heute am 23. Januar 2019 in meiner Funktion als Präsident der Nationalversammlung schwöre ich, als Präsident Venezuelas die Zuständigkeit und Verantwortung der Exekutivgewalt zu übernehmen."

Parlamentschef Juan Guaidó, der sich selbst zum Präsidenten Venezuelas erklärte, bei einer Ansprache vor Anhängern in Caracas. | Bildquelle: picture alliance / Xinhua News A
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Juan Guaidó bei einer Ansprache vor Anhängern in Caracas.

Die Venezolaner nennen ihn López' Delfin

Wer ist dieser Juan Guaidó? Industrieingenieur, Vater einer Tochter, ehemaliger Studentensprecher und Mitglied der Oppositionspartei Voluntad Popular. Die 2009 von Leopoldo López gegründete Gruppierung, die sich selbst als Mitte-Links definiert, bezog von Anfang deutlich Position - zunächst gegen Ex-Präsident Hugo Chávez und nach dessen Tod gegen Chávez' Nachfolger Maduro.

López wurde 2014 verhaftet und steht seit 2017 unter Hausarrest. Guaidó gilt als sein Zögling, oder, wie er in Venezuela genannt wird, als López Delfin. Anführer aber hatte Venezuela schon viele.

Warum gerade Guaidó nun das sozialistische Regime so sehr herausfordert wie kaum einer vor ihm, erläutert die Journalistin Liza López: "Juan Guaidó hat es geschafft, eine zwischen weit links und weit rechts zersplitterte Opposition zu einen. Dazu folgen ihm neben klassischen bürgerlichen Regierungsgegnern auch immer mehr, die traditionell hinter Hugo Chávez standen und die von seinem Nachfolger Maduro schwer enttäuscht sind."

Vermummte Demonstranten stehen bei Protesten in Caracas der venezolanischen Polizei gegenüber. | Bildquelle: REUTERS
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Vermummte Demonstranten stehen bei Protesten in Caracas der venezolanischen Polizei gegenüber.

Die Armenviertel standen lange treu zu Chávez

Aber auch wenn Guaidó das Gesicht der Opposition ist, wird diese aktuell eher als Kollektiv geführt. Es ist eine neue Qualität des Widerstands gegen Maduro. Die Opposition war seit Beginn des sozialistischen Projekts Chávez sehr bürgerlich geprägt.

Die riesigen Armenviertel von Caracas und im Rest des Landes standen lange Zeit treu zu Chávez. Und auch Maduro konnte noch einige Zeit auf sie zählen. Auf der Oppositionsdemonstration am Mittwoch waren aber auch Tausende ehemalige Chavisten anwesend wie der 45-jährige Familienvater José León aus dem Armenviertel Catia.

"Ich möchte ein normales Venezuela, wo das Gehalt für das Nötigste reicht. Diese Armut und all das Elend ist unerträglich. Ich will ein freies Venezuela", fordert León. "Ich war Chavist und bitte jeden Tag um Verzeihung, dass ich mich geirrt habe. Meine Kinder sind fort, im Ausland, auch fünf meiner Neffen und Nichten sind über die Welt verstreut. Und das darf nicht sein!"

Guaidós Strategie ist riskant

Guaidó nimmt die Sorgen der Armen, der Chavisten, ernst. Aus dem Protest der Wohlhabenden wird so eine breite und für Maduro äußerst gefährliche Bewegung.

"Hier geht es nicht darum, sich die Hand zu reichen", sagt Guaidó. "Denn unter uns sind auch Chavisten, die doppelt enttäuscht sind. Denn sie haben einst an Leute geglaubt, die sie betrogen haben. Die das Wort Volk nur benutzt haben, um sich selbst die Taschen zu füllen. Heute sind sie mit uns auf der Straße um zu fordern, dass das Wasser wieder fließt und das Brot auf den Tisch kommt und die Medikamente in die Krankenhäuser."

Maduro spricht zu Anhängern in Caracas | Bildquelle: AFP
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Je länger sich Maduro im Amt halten kann, desto größere Konsequenzen drohen Guaidó.

Maduro ist von den Entwicklungen offensichtlich völlig überrumpelt worden. Auf die Anerkennung Guaidós durch die USA reagierte Maduro reflexartig mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und attackierte Guaidó als Verräter - allein, in Venezuela überzeugt er damit immer weniger.

Dennoch ist Guaidós Strategie riskant: Sie basiert auf einer schnellen Aufgabe Maduros. Damit sie aber aufgeht, benötigt er die Unterstützung der mächtigen Armee. Die Soldaten und ihre Familien forderte Guaidó am Freitag erneut auf, die Verfassung zu respektieren und sich auf die Seite des venezolanischen Volkes zu stellen, das er ebenfalls "Familie" nennt.

Auch er weiß: Je länger sich Maduro im Amt halten kann, desto größer wird die Gefahr, dass das Regime dem Shootingstar der venezolanischen Politik doch noch wegen Putschaktivitäten den Prozess macht.

Wirtschaftsingenieur, Oppositionsführer, Interimspräsident - Juan Guaidó im Portrait
Markus Plate, ARD Mexiko-Stadt
26.01.2019 10:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Januar 2019 um 20:00 Uhr.

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