Die neunjährige Ella war im Februar 2013 nach einer schweren Asthma-Attacke gestorben.  | AFP

Urteil in Großbritannien Luftverschmutzung löste Tod von Mädchen aus 

Stand: 16.12.2020 17:49 Uhr

Die britische Justiz hat ein wegweisendes Urteil gefällt: Eine Neunjährige sei nachweislich an den Folgen einer zu hohen Luftverschmutzung in ihrem Viertel gestorben. Das Gericht rügte das Verhalten der Behörden als "Versagen".

Ein Gericht in Großbritannien hat erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen dem Tod eines Menschen und der Luftverschmutzung in seiner Umgebung bestätigt. Die hohen Schadstoffwerte in ihrem Stadtteil hätten wesentlich zum Tod der kleinen Ella Adoo-Kissi-Debrah im Jahr 2013 beigetragen, erklärte der Gerichtsmediziner Philip Barlow in seinem Urteil vor dem Southwark Coroner's Court in London nach zweiwöchigen Anhörungen.

Richtwerte massiv überschritten

Ella war neun Jahre alt, als sie im Februar 2013 an einer schweren Asthma-Attacke starb. Das Mädchen lebte nur 30 Meter entfernt von einer vielbefahrenen Hauptstraße in Lewisham im Süden von London. Sie sei "exzessiver Luftverschmutzung" ausgesetzt gewesen, erklärte Barlow vor Gericht. Der Stickstoff-Dioxid-Wert dort habe über den Vorgaben des Landes, der EU und der Weltgesundheitsorganisation gelegen.

Die Familie sei über die hohe Luftverschmutzung nur unzureichend informiert gewesen, stellte Barlow fest. Ausdrücklich wies er darauf hin, dass es damals ein "bekanntes Versagen" gab, diese Werte zu reduzieren.

Asthma verschlimmerte sich

27 Mal musste das Asthma-kranke Kind ins Krankenhaus eingeliefert werden. Als Sechsjährige wurde Ella bereits für drei Tage in ein künstliches Koma versetzt, um ihren Zustand zu stabilisieren. Im Jahr 2012 wurde sie schließlich als behindert eingestuft, und ihre Mutter musste sie häufig auf ihrem Rücken tragen. Im Jahr darauf starb sie.

Der Experte Stephen Holgate wies in der Anhörung auf eine "auffällige Übereinstimmung" der Zeiten hin, zu denen das Stickstoffdioxid und die Feinstaubpartikel in der Luft Höchstwerte erreichten und Ella zur Behandlung ins Krankenhaus musste. Wegen der schlechten Luftqualität in ihrer Nachbarschaft führte sie ein Leben "auf Messers Schneide", jede kleinste Veränderung "konnte dramatische Konsequenzen" haben. Zu dem selben Schluss kam auch der Untersuchungsbeamte Barlow.

Zögerliches Vorgehen der Behörden

Die Anwälte von Ellas Familie hatten den Behörden von Lewisham vorgeworfen, Maßnahmen gegen die zunehmende Luftverschmutzung verschleppt zu haben. Nach der Messung der schlechten Luftqualität dauerte es drei Jahre, bis der Stadtteilrat einen Aktionsplan entwickelte und dann nochmal vier Jahre, bis dieser formal verabschiedet wurde. 

Ellas Mutter hatte während der Anhörungen gesagt, sie hoffe, dass das Urteil "das Leben von Kindern künftig verbessern" werde. Nach Angaben des Londoner Stadtrats werden fast im gesamten Stadtgebiet die von der WHO empfohlenen Grenzwerte für Luftverschmutzung überschritten.

Mit Informationen von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Dezember 2020 um 16:00 Uhr.