Medizinisches Personal in einem Krankenhaus in London | picture alliance/dpa/PA Wire

Brexit-Übergangsphase Gesundheitsdienst NHS bittet um Aufschub

Stand: 23.12.2020 10:42 Uhr

Großbritannien kämpft mit der zweiten Corona-Welle und mit einer Mutation des Virus. In einigen Tagen steht zudem der endgültige EU-Ausstieg an. Für den Gesundheitsdienst NHS eine immense Doppelbelastung - er fordert mehr Zeit.

Nur noch wenige Tage, bis Großbritannien seine Bindungen zur EU kappen will: Ab dem 1. Januar soll das Vereinigte Königreich aus der Zollunion austreten, ebenso aus dem EU-Binnenmarkt. Der britische Gesundheitsdienst NHS befürchtet angesichts der Corona-Pandemie eine immense Doppelbelastung und bittet daher um etwas mehr Aufschub für den endgültigen EU-Austritt.

In einem Brief an Premierminister Boris Johnson spricht sich der Dachverband NHS Confederation dafür aus, die Übergangsphase des Brexit um einen Monat zu verlängern. Großbritannien hatte die EU bereits Anfang Februar verlassen. Seitdem gilt die Übergangsphase, um die künftigen Handelsbeziehungen zu klären. Diese Phase läuft Ende des Jahres aus.

Der Austritt würde also direkt in die zweite Corona-Welle fallen, gegen die derzeit auch Großbritannien kämpft. Laut der Johns-Hopkins-Universität haben sich bereits mehr als 2,1 Millionen Menschen mit dem Virus angesteckt, seitdem die Pandemie auch Großbritannien erreicht hat. Insgesamt kamen etwa 68.400 Menschen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion ums Leben.

"Kostbare Wochen" für das Gesundheitssystem

Vor wenigen Tagen wurde zudem bekannt, dass sich vor allem in London und in Südostengland eine Mutation des Coronavirus ausbreitet, die deutlich ansteckender sein soll.

Der NHS warnt in seinem Schreiben davor, dass die Zahl der Neuinfektionen durch diese Mutation nochmals zunehmen könnte. Die eigene Belegschaft sei aber bereits jetzt müde und erschöpft. Zusätzliche Belastungen durch einen "No-Deal-Brexit könnten die Möglichkeiten des NHS überfordern", betont der Gesundheitsdienst. Darum solle Johnson "die Übergangsfrist um einen Monat verlängern und dem NHS einige kostbare zusätzliche Wochen erkaufen", um die überlasteten Kliniken "aus der Gefahrenzone" zu bringen.

Denn mit dem Ende der Übergangsphase drohen Handelsbarrieren und neue Zölle in Kraft zu treten. Der NHS befürchtet, dass diese "störenden Veränderungen" auch die Versorgung mit Medikamenten und medizinischen Gütern behindern könnten.

NHS fürchtet drohendes Reisechaos

Die Folgen des Bekanntwerdens der neuen Corona-Mutation haben zudem aufgezeigt, welche Auswirkungen ein gestörter Warenverkehr zwischen der EU und Großbritannien haben kann. Zahlreiche Länder, darunter auch Deutschland, hatten den Reiseverkehr nach Großbritannien eingestellt, um zu verhindern, dass sich die Mutation auch in der EU ausbreitet. Frankreich stoppte in der Nacht von Sonntag auf Montag auch den Frachtverkehr. Die Folge: Tausende Lkw stauten sich im südenglischen Dover, weil sie den Ärmelkanal nicht überqueren konnten - also gerade in der Region, in der sich auch die neue Mutation mit am stärksten ausbreitet.

Dieses Reisechaos sei nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Probleme, die ohne ein Handelsabkommen mit der EU drohten, so der NHS weiter. Solche Staus könnten außerdem Rettungswagen behindern - ein zusätzliches Erschwernis in Pandemie-Zeiten.

Verhindern könnte ein solches Chaos ein gemeinsames Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU. Seit Monaten verhandeln beide Seiten, mehrfach wurde die Frist für eine Einigung bereits verlängert. Doch noch immer steht ein Kompromiss aus - und damit deutet alles auf den No-Deal-Brexit hin.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Dezember 2020 um 09:00 Uhr.