London: Sanitäter transportieren einen Patienten aus einem Krankenwagen in das Royal London Hospital. | dpa

Corona-Krise in Großbritannien Experten rechnen mit Verschlimmerung

Stand: 09.01.2021 17:17 Uhr

Großbritannien verzeichnet weiter Höchstwerte bei Infizierten und Toten, London hat den Katastrophenfall ausgerufen. Experten gehen davon aus, dass der nunmehr dritte Lockdown wesentlich verschärft werden muss.

Nach der Ausrufung des Katastrophenfalls in London wegen der hohen Auslastung der Krankenhäuser rechnen Experten in Großbritannien mit einer weiteren Verschärfung der Lage.

Simon Walsh vom britischen Ärzteverband British Medical Association (BMA) sagte im BBC-Fernsehen, er erwarte einen weiteren Anstieg der Zahlen, bevor sie wieder zurückgingen. Das ergebe eine Analyse der ersten Pandemiewelle im Frühjahr vergangenen Jahres.

Immer neue Höchstwerte

Großbritannien hatte am Freitag mit mehr als 68.000 neuen Corona-Infektionen und 1325 gemeldeten Todesfällen innerhalb von 24 Stunden gleich zwei traurige Rekorde verzeichnet.

Besonders schlimm ist die Lage in London, wo Bürgermeister Sadiq Khan am Freitag den Katastrophenfall ausrief. Die Krankenhäuser dort sind am Anschlag.

Die Bedrohung, die das Coronavirus für die Stadt darstelle, sei an einem kritischen Punkt, sagte Khan einer Mitteilung zufolge. "Wenn wir nicht unverzüglich handeln, könnte unser NHS (Gesundheitsdienst) überwältigt werden und mehr Menschen werden sterben." Mittlerweile sei jeder 30. Londoner an Covid-19 erkrankt, schrieb Khan auf Twitter.

Sieben-Tages-Inzidenz bei über 1000

Die Sieben-Tages-Inzidenz in der britischen Hauptstadt liegt inzwischen bei mehr als 1000. Damit ist die Zahl der Neuinfektionen innerhalb einer Woche auf 100.000 Einwohner gemeint.

Die Zahl der im Krankenhaus behandelten Covid-19-Patienten in London sei allein in der ersten Januarwoche um knapp ein Drittel, die Zahl der Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, um mehr als 40 Prozent gestiegen, hieß es in der Mitteilung des Bürgermeisters.

Zur Hilfe kamen dem Gesundheitsdienst unter anderem Hunderte Feuerwehrleute, die als Fahrer von Krankenwagen eingesetzt wurden.

Verantwortlich für die rasche Ausbreitung des Virus machen die Regierung und Experten auch eine neue, womöglich ansteckendere Variante. Sie soll sich um bis zu 70 Prozent schneller ausbreiten als die bisher vorherrschende Virus-Variante.

Experten plädieren für schärfere Maßnahmen

Die Regierung hatte in der vergangenen Woche den inzwischen dritten landesweiten Lockdown ausgerufen. Doch nach Ansicht einiger Experten wird das nicht ausreichen, um die Zahl der Infektionen zu senken.

Britische Medien zitieren etwa Susan Michie, Professorin für Gesundheitspsychologie am University College London, die den aktuellen Lockdown im Land als "zu lax" bezeichnet. Die Virus-Mutation sei um etwa 50 Prozent ansteckender, daher müssten wesentlich strengere Maßnahmen ergriffen werden als im vergangenen März, um dieselben Resultate zu erreichen.

Zudem würden mehr Schüler als vorher die Schulen besuchen und Schulen seien "ein sehr wichtiger Keim für Infektionen in den Gemeinden", zitiert die BBC Michie.

Die Hoffnung ruht nun darauf, dass so schnell wie möglich breite Bevölkerungsschichten geimpft werden können.

Drei Impfstoffe sind zugelassen

Am Freitag ließ die Regierung in London mit dem Impfstoff des US-Herstellers Moderna das dritte Präparat zu. Bereits im Einsatz sind das Mittel von BioNTech/Pfizer und der Impfstoff der Universität Oxford und des Konzerns Astrazeneca.

Bislang wurden in Großbritannien nach Angaben der Regierung rund 1,5 Millionen Menschen gegen Covid-19 geimpft. Das Tempo der Impfkampagne soll jedoch deutlich beschleunigt werden. Ziel ist es, bis Mitte Februar den besonders gefährdeten 15 Millionen Briten eine erste Impfung anzubieten.

Um das umzusetzen, wurde auch die Armee zur Hilfe gerufen. Dabei sollen nach Angaben von Premierminister Boris Johnson auch militärische Strategien zum Einsatz kommen. Er rief die Menschen jedoch dringend auf, zuhause zu bleiben.

Insgesamt sind in Großbritannien bereits knapp 80.000 nachweislich mit dem Virus infizierte Menschen gestorben. Erfasst werden dabei nur die Fälle, die innerhalb von 28 Tagen nach einem positiven Test auftreten. Noch höher liegt die Zahl der Gestorbenen mit Covid-19 auf dem Totenschein, zusammen mit aktuellen Zahlen aus den vergangenen Tagen sind es demnach bereits etwa 95.000 Tote.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Januar 2021 um 20:00 Uhr.