Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock | AP

Warnung aus Großbritannien Neue Corona-Variante "außer Kontrolle"

Stand: 20.12.2020 12:31 Uhr

Die britische Regierung klingt alarmiert: Die neue Coronavirus-Variante müsse unter Kontrolle gebracht werden, sagte Gesundheitsminister Hancock. Alle müssten sich so vorsichtig verhalten, als seien sie infiziert.

Besorgt blicken Wissenschaftler und Politiker auf eine neue Variante des Coronavirus, die sich derzeit rasch im Südosten Englands ausbreitet. "Sie ist außer Kontrolle, und wir müssen sie wieder unter Kontrolle bekommen", sagte Gesundheitsminister Matt Hancock der BBC. Das Land stehe vor einer enormen Herausforderung.

Nach ersten Erkenntnissen der Behörden ist die Mutation mit dem Namen VUI2020/12/01 deutlich ansteckender als die bisher bekannte Form. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass die Variante schwerere Krankheitsverläufe auslöse oder zu einer höheren Sterblichkeit führe. Zudem gehen die Behörden bisher davon aus, dass Impfstoffe auch gegen die Mutation wirksam sind.

18.000 Infizierte in Krankenhäusern

Hancock sagte, er mache sich große Sorgen um das Gesundheitssystem. Derzeit seien mehr als 18.000 Infizierte in den Krankenhäusern, das seien fast so viele wie zum Höhepunkt der ersten Infektionswelle im Frühjahr. "Das ist ein weiterer Grund dafür, dass alle sich an die neuen Regeln halten und persönlich Verantwortung übernehmen müssen", sagte er.

Dem Sender Sky News sagte Hancock, jeder müsse sich so verhalten, als sei er mit Corona infiziert. "Das ist der einzige Weg, wie wir das Virus unter Kontrolle bekommen können."

Ausgangssperre auch über Weihnachten

Um das Virus einzudämmen, gilt seit heute in der Hauptstadt London und weiten Teilen Südostenglands ein harter Shutdown mit Ausgangssperren, auch über die Weihnachtstage. Mehr als 16 Millionen Menschen sind betroffen. Hancock schloss nicht aus, dass die schärferen Maßnahmen der sogenannten Stufe 4 "in den kommenden Monaten" in Kraft blieben.

Ersten Analysen britischer Wissenschaftler zufolge verfügt die neue Variante über ungewöhnlich viele genetische Veränderungen, vor allem im Spike-Protein. Dieses Protein benötigt das Virus, um in Zellen einzudringen. Der in Großbritannien eingesetzte Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech erzeugt eine Immunantwort gegen genau dieses Protein. Deswegen gibt es die Befürchtung, dass der Impfstoff gegen die neue Variante möglicherweise nicht wirkt.

Londons Bürgermeister: Reisen "falsch"

Londons Bürgermeister Sadiq Khan zeigte Verständnis für den Shutdown, bei dem auch nicht lebensnotwendige Geschäfte und Einrichtungen schließen müssen. Dennoch: "Es ist das Hin und Her, das zu so viel Angst, Verzweiflung, Traurigkeit und Enttäuschung führt", sagte Khan der BBC.

Er habe Verständnis, dass Menschen in letzter Sekunde, bevor die Reiseverbote greifen, zu ihren Familien reisen wollen. "Aber es ist falsch", sagte der Bürgermeister. Und mit Blick auf Corona-Impfmittel fügte er hinzu: "Wie werden Sie sich fühlen, wenn Sie das Virus an ältere Verwandte, geliebte Menschen weitergeben, deren Leben wegen des Vakzins lang und fruchtbar sein könnte, die sich aber dadurch mit dem Virus infizieren und - Gott bewahre - sterben?"

WHO in Kontakt mit britischen Wissenschaftlern

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) twitterte in der Nacht, sie stehe mit Großbritannien in engem Kontakt. Die britischen Behörden würden weiter Informationen und Ergebnisse ihrer Analysen und Studien teilen.

Wir werden die Mitgliedstaaten und die Öffentlichkeit auf dem Laufenden halten, sobald wir mehr über die Merkmale dieser Virus-Variante und deren Auswirkungen erfahren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Dezember 2020 um 11:40 Uhr.