Kommentar

Britischer Premier und Corona Der andere Boris Johnson

Stand: 11.05.2020 04:00 Uhr

Seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus ist der britische Premierminister vorsichtiger geworden. Angesichts des Ausmaßes der Corona-Krise bleibt ihm allerdings auch nichts anderes übrig.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Boris Johnson hätte sich sicher einen anderen Auftritt gewünscht: So, wie die britischen Zeitungen ihn noch vor wenigen Tagen vorhergesagt hatten. "Magic Monday" lautete da eine Schlagzeile, ein magischer Montag sollte angeblich kommen. "Hurrah! Lockdown Freedom beckons" - eine andere Schlagzeile: Angeblich würde jetzt die Freiheit nach dem Ausnahmezustand winken.

Ein paar übermütige Spin-Doktoren in der Regierung hatten da offenbar etwas missverstanden. Oder sie wollten den Regierungschef unter Druck setzen, die strikten Ausgangsbeschränkungen radikal zu lockern und die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Erreicht haben diese Falken nur, dass viele Briten in den vergangenen Tagen die angeblich kommenden Lockerungen vorwegnahmen und massenhaft ins Freie schwärmten.

Nur wenige Lockerungen

Ein Missverständnis: Denn Boris Johnson ist in den vergangenen Wochen, in denen er im Krankenhaus lag, auf der Intensivstation nach eigenem Bekunden nur knapp dem Tod entging, zur Taube geworden. Sein Auftrag deshalb in der vergangenen Woche an seine Kabinettskollegen: Maximale Vorsicht.

Das war das Aus für die schnelle Freiheit in Großbritannien. Die Falken in der Regierung - ausgebremst. Ein bisschen mehr Ausgang, ein bisschen mehr Sport. Das war es. Fast alle Geschäfte erst einmal weiter zu, die Schulen und Restaurants auch. Vielleicht im Juni und Juli die nächsten Schritte, aber nur, wenn die weiterhin vergleichsweise hohen Neu-Infektionen spürbar sinken. Auf der anderen Seite sogar die Andeutung neuer Verschärfungen: Eine 14-tägige Quarantäne für alle Ankommenden aus dem Ausland soll kommen. De facto also das Aus für den Auslandsurlaub der Briten in diesem Sommer.

Wie die eigene Krankheit den Premierminister verändert hat, konnte man ihm bei seiner Fernsehansprache ansehen: Er ist schmal im Gesicht geworden. Doch nicht nur die eigene persönliche Erfahrung ließ Johnson vor einer spürbaren Lockerung zurückschrecken. Auch die Prognose seiner Experten, das Land könnte 100.000 Tote Corona-Tote beklagen, wenn der Lockdown jetzt lässiger gehandhabt würde.

Der Notstand hält an

Großbritannien liegt ohnehin schon an der Spitze einer traurigen Tabelle: Nirgendwo sonst in Europa sind so viele Menschen an Covid-19 gestorben wie im Vereinigten Königreich: 32.000. Kein Zufall, sondern die Folge von Politikversagen. Auch das Versagen des Boris Johnson, wie man ihn vor seiner Krankheit kannte. Großspurig, bombastisch, verantwortungslos und auf Kollisionskurs mit der Wahrheit. Im März, als die Pandemie längst da war, schüttelte Johnson noch Hände in den Krankenhäusern, in denen bereits Covid 19-Patienten lagen. Das stolze Großbritannien, das ja schließlich auch Nazi-Deutschland besiegt hätte, habe auch diesen Feind im Griff. Und ein paar Tausend Kranke würden sogar Immunität gegen das Virus bringen. So die Botschaft im März.

Die Folge: Die britische Regierung reagierte viel zu langsam auf die Pandemie, und war schlecht vorbereitet, mit einem herunter gesparten staatlichen Gesundheitssystem. Viel zu wenige Corona-Tests, und viel zu wenig Schutzkleidung - dieser Notstand hält weiter an, auch und vor allem in den Alten- und Pflegeheimen.

Es gibt deshalb keine wirkliche Alternative, als den Lockdown fortzusetzen. Vielleicht hätte der alte Boris Johnson trotzdem wieder Gas geben. Der neue Johnson aber hält den Fuß jetzt erst einmal auf der Bremse.

Der neue Boris Johnson bremst - Kommentar
Jens-Peter Marquardt, ARD London
10.05.2020 23:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 11. Mai 2020 um 07:23 Uhr.

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