Eingang zu einer von fünf Covid-19-Stationen im Whiston Hospital | dpa

Viele Neuinfektionen Britische Kliniken am Limit

Stand: 29.12.2020 20:03 Uhr

Mit mehr als 53.000 Fällen haben die britischen Behörden so viele Corona-Neuinfektionen an einem Tag gemeldet wie noch nie. Das Gesundheitssystem gerät immer mehr unter Druck - mit Folgen für Patienten und Pflegepersonal.

Die sich weiter zuspitzende Corona-Lage bringt das britische Gesundheitssystem an seine Grenzen. Vor einigen Notaufnahmen stauten sich Rettungswagen, wie britische Medien berichteten. Ein Mitarbeiter eines Krankenhauses in der südostenglischen Grafschaft Kent berichtete, dass manche Patienten bis zu sechs Stunden auf eine Ambulanz warten müssten. Nun erwägen einige Kliniken sogar, Triage-Zelte vor den Eingängen aufzustellen, auch um den Zustrom der Patienten besser zu kontrollieren.

Zahl der Corona-Fälle steigt weiter an

Am Dienstag meldeten die Behörden 53.135 Neuinfektionen und damit einen neuen Höchstwert. Außerdem werden mehr Corona-Patienten in Krankenhäusern behandelt als zum bisherigen Höhepunkt im Frühling. Vor allem eine neue Variante des Coronavirus wird für die rasant steigende Zahl an Neuinfektionen verantwortlich gemacht. Premierminister Boris Johnson hatte kurz vor Weihnachten gesagt, die Mutation sei hoch ansteckend und verbreite sich rasch.

Besonders betroffen sind bisher London und Südengland. In diesen Gegenden gilt seit gut einer Woche eine neue höchste Corona-Warnstufe. Demnach dürfen Millionen Menschen keine Besuche empfangen und sollen ihre Häuser nur in wichtigen Fällen wie Arbeit oder Arztbesuchen verlassen. Aber auch in anderen Landesteilen gelten starke Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens.

"Jetzt sind wir wieder im Auge des Sturms"

Der Chef des britischen Gesundheitsdiensts NHS, Simon Stevens, dankte dem Klinik- und Pflegepersonal für den Dauereinsatz. "Viele von uns haben Verwandte, Freunde und Kollegen verloren. Und in einer Zeit, in der wir feiern würden, fühlen sich viele Menschen verständlicherweise ängstlich, frustriert und ausgelaugt", sagte Stevens in einer Videobotschaft. "Und ausgerechnet jetzt sind wir wieder im Auge des Sturms, der mit einer zweiten Corona-Welle durch Europa und auch durch unser Land fegt."

Die Chefin der Ärztevereinigung Doctors' Association UK, Samantha Batt-Rawden, schrieb auf Twitter, das Pflegepersonal leiste seit Monaten Extra-Arbeit. "Viele haben ihr Weihnachtsfest abgesagt, um sich freiwillig für zusätzliche Schichten zu melden. Aber die Wahrheit ist, dass viele völlig am Ende sind."

Der Notfallmediziner Simon Walsh von der Ärzteorganisation British Medical Association sagte, viele Kliniken arbeiteten bereits im Ausnahmemodus. "Sie haben es mit Warteschlangen von Krankenwagen außerhalb vieler Notaufnahmen zu tun, oft mit Patienten, die viele Stunden in den Ambulanzen saßen, weil einfach kein Platz für sie vorhanden ist."

Forderungen nach längeren Schulschließungen

Wegen der schwierigen Gesundheitslage werden Forderungen nach einer längeren Schließung der Schulen nach den Weihnachtsferien lauter. Es sei nicht sicher, die Schulen wie geplant am 4. Januar zu öffnen, sagte Zubaida Haque vom wissenschaftlichen Expertengremium Sage dem Fernsehsender ITV. "Kinder müssen in die Schule gehen, aber sie müssen auf eine sichere Schule gehen."

Geplant sind zudem Massentests von Schülern und Studenten. Hierbei setzt die Regierung auf die Hilfe des Militärs. 1500 Armeeangehörige sollen die jungen Leute unterstützen, wie das Verteidigungsministerium in London mitteilte. Allerdings wird der Großteil über das Telefon oder das Internet Hilfe leisten. Schüler und Studenten sollen sich unter Aufsicht selbst testen.