Manolis Androulakis spricht mit den Medien nach seiner Ankunft in Spata, Griechenland. | EPA

Griechischer Konsul verlässt Mariupol "Es gab kein Leben mehr"

Stand: 21.03.2022 15:32 Uhr

Als einer der letzten EU-Diplomaten hat der griechische Konsul die belagerte ukrainische Hafenstadt Mariupol verlassen. Androulakis zieht eine bittere Bilanz und vergleicht Mariupol mit Grosny und Aleppo.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Manolis Androulakis wirkt sichtlich erschöpft, als er aus dem Gate am Athener Flughafen tritt. Seine Frau, sein sieben Monate alter Sohn und sein Vater sind gekommen, um ihn in Empfang zu nehmen. Doch bevor es endlich nach Hause geht, tritt Androulakis vor die Presse.

Verena Schälter

Die Erlebnisse der vergangenen Tage haben sichtlich Spuren hinterlassen. "Was ich gesehen habe, das wünsche ich niemandem", sagt Androulakis, griechischer Konsul in der besonders schwer umkämpften ukrainischen Stadt Mariupol. Laut griechischem Außenministerium war er bis zum Wochenende der letzte verbliebene EU-Diplomat in der Hafenstadt.

Enge Verbindung zwischen Griechenland und der Ukraine

Die Verbindungen zwischen der Ukraine und Griechenland sind traditionell eng: Seit dem 18. Jahrhundert existiert dort eine griechische Minderheit. Schätzungen zufolge haben zu Beginn des Krieges etwa 150.000 Auslandsgriechen in der Ukraine gelebt, ein Großteil in und um Mariupol.

Eine von ihnen ist Olga. Sechs Tage war der Konvoi unterwegs, der sie und zwölf weitere Frauen, zehn Kinder und zwei Senioren, vor fast zwei Wochen nach Griechenland gebracht hat.

Aktuell sind sie alle in den Baracken eines ehemaligen Ferienlagers in der Nähe von Athen untergebracht.

Menschen stehen Schlange, um in einem improvisierten Bunker in Mariupol warmes Essen zu erhalten | dpa

Menschen stehen in einem improvisierten Bunker in Mariupol für warmes Essen an. Bild: dpa

Die Entscheidung zu fliehen sei ihr trotz allem nicht leicht gefallen, sagt Olga. Doch ihre beiden Kinder seien wegen der Kälte und der Feuchtigkeit im Bunker krank geworden. "Wir haben beschlossen, dass wir das Risiko eingehen und fliehen", erzählt sie und wickelt ihren kleinen Sohn Mihalis.

Kein Gas, kein Wasser, kein Internet

Erst drei Monate ist er alt. Auf seinen Söckchen steht: I love Dad - Ich liebe Papa. Doch Papa ist weit weg, auch die Großeltern sind noch in Mariupol. Olga macht sich große Sorgen: "Sie haben keinen Strom, kein Gas oder Wasser. Wir möchten wissen, ob sie am Leben sind, leider erfahren wir nichts."

Auch Olena wollte die Ukraine zunächst nicht verlassen: "Wenn ich keine Kinder gehabt hätte, wäre ich in meiner Heimatstadt geblieben, um sie zu verteidigen. Das ist meine Stadt. Ich bin dort geboren."

Olena wirkt nervös. Während sie spricht, zupft sie ununterbrochen an ihren Händen und Fingernägeln. Das, was die letzten Tage und Wochen in der Ukraine und vor allem in Mariupol passiert ist, kann sie immer noch nicht recht begreifen: "Früher hatten wir alles: Arbeit, Freunde, ein schönes Wohnumfeld. Wir planten unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder und plötzlich haben wir alles verloren."

Ihr ist es wichtig zu betonen: Sollte die Ukraine unter russische Kontrolle geraten, werde sie keinesfalls dahin zurückkehren.

Mariupol vergleichbar mit Grosny und Aleppo

Doch selbst wenn sich die russischen Streitkräfte aus der Ukraine zurückziehen sollten, werden die Folgen des Krieges verheerend sein. Der griechische Konsul Androulakis beschreibt furchtbare Szenen, die er erlebt hat, bevor er Mariupol verlassen hat.

Die Zivilisten würden "blind" getroffen und seien "hilflos". Nach russischen Angriffen habe er auf den Straßen verstreute menschliche Gliedmaßen gesehen. "Es gab kein Leben mehr - binnen 24 Stunden wurde die gesamte Infrastruktur zerstört. Es wurde einfach alles bombardiert", sagt Androulakis.

Mariupol werde nun in die Liste mit den Städten in der Welt aufgenommen werden, die durch den Krieg völlig zerstört wurden, sagt Androulakis: "Das sind Guernica, Coventry, Grosny, Aleppo, Leningrad."

Menschen gehen zwischen zerstörten Wohnhäusern in Mariupol (Archivbild vom 18.3.2022) | REUTERS

"Es wurde einfach alles bombardiert". Einwohner Mariupols zwischen zerstörten Wohnhäusern (Archivbild vom 18.3.2022). Bild: REUTERS

Als Held gefeiert

Trotz des Grauens hat er sich zunächst geweigert, mit den anderen Diplomaten die Stadt zu verlassen, um stattdessen bei der Evakuierung der Zivilbevölkerung zu helfen. Bis zuletzt habe er erfolgreich die Ausreise zahlreicher griechischer Bürger aus der Stadt organisiert.

Und auch als er nun selbst das Land verlassen musste, habe er immerhin zehn Frauen und Kinder mitnehmen können. Am vergangenen Dienstag hätten sie Mariupol in einem Konvoi verlassen, vier Tage habe allein die Fahrt bis zur moldawischen Grenze gedauert.

In Griechenland wird Androulakis für seinen Mut und sein Engagement als Held gefeiert. Doch der winkt ab: Für ihn seien die wahren Heldinnen und Helden diejenigen, die sich weiterhin weigerten, ihre Stadt zu verlassen, um sie zu verteidigen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. März 2022 um 15:47 Uhr.