Demonstranten vor dem griechischen Parlament | null

Proteste in Athen gegen Sparpolitik "All die Kredite - das ist auch keine Lösung!"

Stand: 20.06.2011 04:41 Uhr

Die Wut vieler Griechen auf ihre Politiker reißt nicht ab: Auch am Abend gingen in Athen tausende Menschen auf die Straße und schrieen "Diebe, Diebe". Ihr Vorwurf: Eine korrupte Politik habe das Land in die Sackgasse geführt. Einige zweifeln auch am Sinn weiterer Milliardenhilfen.

Thomas Bormann ARD-Studio Istanbul

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul, zzt. Athen

"Währungsfonds - scher' dich zum Teufel!" Bis weit nach Mitternacht schrieen sie ihren Protest heraus, direkt am Absperrgitter vor dem Parlament mitten in Athen. Demonstranten von rechten Parteien fürchten, Griechenland werde ans Ausland ausverkauft und die Griechen hätten dann in ihrem eigenen Land nichts mehr zu sagen.

Linke Demonstranten warnen vor einer Zukunft ohne Perspektiven, wenn Griechenland auf Generationen hinweg Zinsen an den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die EU zahlen muss: "All die Kredite - das ist doch auch keine Lösung und ist zu viel für uns. Das hört nie auf", sagt die 28-jährige Eliana. Sie hat ihr Medizinstudium mit Erfolg abgeschlossen, findet jetzt aber wegen der Krise keine Arbeit.

"Diebe, Diebe", rufen die Demonstranten immer wieder und zeigen aufs Parlament, gerade mal einen Steinwurf entfernt. Die Polizei passt auf, dass keine Steine fliegen. Als Diebe bezeichnen die Protestierer die 300 Abgeordneten, die aus ihrer Sicht die immensen Schulden zu verantworten haben - und zwar wegen ihrer korrupten Politik in den vergangenen Jahren, lautet der Vorwurf.

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Demonstranten protestieren vor dem griechischen Parlament gegen das Sparprogramm der Regierung

Papandreou räumt Fehler ein

Ministerpräsident Giorgos Papandreou gibt zu, dass alle Politiker Fehler gemacht hätten. Aber es gebe nur einen Ausweg aus der Krise: Trotz der Proteste weitermachen auf dem knallharten Sparkurs: "Ich bitte das Parlament, mir und meiner neuen Regierung das Vertrauen auszusprechen. Das ist wichtig, weil sich unser Land in einer Krise und am Scheideweg befindet."

Papandreou forderte in der Parlamentssitzung am Sonntag einen nationalen Konsens für sein Sparprogramm, das von den Bürgern nochmal höhere Steuern abverlangt. Diesen Konsens wird er nicht erreichen. Die Demonstranten lehnen den Sparkurs empört ab, sie sagen: Wir können unsere Miete nicht mehr zahlen.

Die größte Oppositionspartei, die konservative Nea Demokratia, fordert eine Wende in der Politik. Sie will Steuern senken, um die schrumpfende Wirtschaft anzukurbeln. Oppositionsführer Antonis Samarras schimpfte im Parlament, die Sparpolitik Papandreous der vergangenen Monate habe die Krise noch verschlimmert: "All die Opfergaben des Volkes in den vergangenen Monaten - was haben sie gebracht? Nichts." Deshalb will seine Fraktion mit Nein stimmen.

Ministerpräsident muss um Mehrheit bangen

Papandreou ist in der Vertrauensfrage auf die knappe Mehrheit seiner Partei, der sozialdemokratischen Pasok, angewiesen. Die Abstimmung ist für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch vorgesehen, und zwar um Mitternacht. Zur selben Zeit, das haben die Demonstranten entschieden, werden auch sie sich wieder auf dem Sintagma-Platz vorm Parlamentsgebäude versammeln - und lautstark gegen Papandreous Sparpolitik protestieren.