Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in Griechenland | Bildquelle: AFP

Freiwillige Helfer auf Lesbos Ein Stück mehr Menschlichkeit

Stand: 28.06.2018 09:43 Uhr

Viele von den Tausenden Helfern, die sich in den vergangenen Jahren auf griechischen Inseln um Flüchtlinge gekümmert haben, arbeiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Flüchtlinge zurückschicken in ihre Heimatländer, Grenzen dicht machen, abschotten. Diese Worte sind für all die Menschen Fremdworte, die sich Tag für Tag einfach kümmern wollen. Sie wollen sich um die Menschen kümmern, die neu nach Europa gekommen sind, zum Beispiel um Flüchtlinge in Griechenland.

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos/Griechenland | Bildquelle: REUTERS
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Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist überfüllt.

Aus Passau immer wieder freiwillig nach Lesbos gekommen ist die junge Anwältin Maria Kalin. Ohne Bezahlung arbeitet sie in ihrer Urlaubszeit für die Organisation "Lawyers in Lesbos", um Flüchtlingen zum Bespiel im überfüllten Lager Moria zu ihren Rechten zu verhelfen:

"Ich habe einen Mandanten gerade im Lager Moria, der ist homosexuell. Das darf niemand wissen, er ist da sehr vorsichtig, weil er keine Probleme haben möchte im Camp, was ich total verstehen kann. Er hat sehr viel sexuelle Gewalt erfahren in seinem Herkunftsland, ist sehr schlimm behandelt worden. Ohne unsere Beratung hätte er sich nicht getraut, das in der Anhörung zu sagen, weil er sich geschämt hätte. Es ist einfach wichtig, solchen Leuten den Rücken zu stärken und zu sagen, ihr habt solche Rechte."

Asylverfahren gerechter und menschlicher gemacht

In diesem Fall hat Kalin dem Flüchtling zu seinem Asylrecht in Europa verholfen. Viele andere Anwälte haben in den letzten Jahren auf ähnliche Weise Migranten beraten. Damit haben sie manches Asylverfahren gerechter und auch menschlicher gemacht, sagt die Anwältin.

Maria Kalin auf Lesbos im Büro der Hilfsorganisation “Lawyers in Lesbos“ | Bildquelle: Michael Lehmann
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Maria Kalin sagt, manche Asylverfahren seien gerechter und menschlicher geworden.

Dass andere europäische Länder wie die Slowakei oder Österreich sich erst gar nicht mehr lange mit solchen Asylsuchenden beschäftigen wollen, das macht Achilleas, einen griechischen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, wütend: "Auf ihrer langen Flucht sind viele Gewalt, auch sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen. Die kommen dann also hier in sehr schlechtem Zustand an und leben dann hier zusammengepfercht in diesem Lager." Man gebe ihnen dann die nötigste medizinische Versorgung und auch psychologische Hilfe, um ihnen die schwerste Last von den Schultern zu nehmen, so Achilleas.

Menschen auf Lesbos zeigen sich solidarisch

Wenn andere Länder in Europa, die teilweise wohlhabender als Griechenland sind, die Grenzen für Flüchtlinge nahezu komplett abriegeln, können viele Flüchtlingshelfer auf den griechischen Inseln das nicht nachvollziehen. Würden andere mehr helfen, hätten sie nicht die überfüllten Lager, sagen sie. Theodoros beispielsweise, der auf Lesbos für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen Mietwohnungen für Migranten vermittelt:

"Die Menschen hier auf Lesbos haben sich in beachtlicher Weise solidarisch gezeigt. Manche Fischer beispielsweise sind ins Meer gesprungen, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Da war es auch normal, dass über die lange Zeit hier unter dem Flüchtlingsdruck auf der Insel die Menschen wieder Sehnsucht nach einem normalen Leben hatten. Es gab auch Unmut, ja. Später. Aber immer noch tut jeder sein Bestes, dass lokale Leute hier, die Regierung in Athen und auch Brüssel das gemeinsam hinbekommen. Weil wir alle wissen, was da in Zukunft noch weiter auf uns zukommen könnte."

Tolerant sein und helfen

Man müsse keine Angst vor Flüchtlingen haben, eher müssten die Flüchtlinge Angst davor haben, wie manche im freien Europa mit ihnen umgehen, meint eine klinische Psychologin, die aus Österreich als Freiwillige nach Lesbos kam, um Trauma-Patienten, die der Krieg nicht mehr losläßt, zu helfen.

"Bei uns zu Hause würde da jeder protestieren gegen diese große Anzahl von Flüchtlingen. Aber hier helfen die Menschen den Flüchtlingen, zum Beispiel wenn jemand im Kaffeehaus sitzt mit seinem minimalen Taschengeld, dann kann er stundenlang in diesem Kaffeehaus sitzen und ist willkommen und toleriert."

Tolerant sein und helfen - das ist und war selbstverständlich für die vielen Tausend Helfer, die in den vergangenen Jahren auf griechischen Inseln mit angepackt haben. Auch wenn es ihr schon manchmal schwergefallen sei, sagt die Anwältin Kalin: "Man sieht manchmal soviel Verzweiflung und Trostlosigkeit, dass ich abends nur noch Heim gehen und in mein Kissen weinen kann. Und dann ist es gut, dass wir hier ein gutes Team mit anderen Anwälten sind. Wir können uns austauschen und verarbeiten das. Insgesamt sehe ich soviel Sinn in der Arbeit, das ist ein Ausgleich zu dem ganzen Druck und Stress."

Vor dem EU-Gipfel: Flüchtlingshelfer in Griechenland wollen gutes Beispiel sein
Michael Lehmann, ARD Athen
28.06.2018 06:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juni 2018 um 05:15 Uhr.

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