Vor 25 Jahren zwischen Österreich und Ungarn Mit der Drahtzange die Welt verändert

Stand: 27.06.2014 09:24 Uhr

Längst schon hatte der Eiserne Vorhang Löcher bekommen, als die Außenminister Ungarns und Österreichs, Horn und Mock, selbst Hand anlegten und mit Drahtscheren den Grenzzaun durchtrennten. Doch der symbolische Akt war wichtig für alles, was folgte.

Von Stephan Ozsvath, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa

Die Szene ist in die Geschichte eingegangen. Die Bilder sind weltberühmt: Die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, zerschneiden - mit etwas Mühe - am 27. Juni 1989 den Grenzzaun.

"Wir sind Zeugen eines historischen Ereignisses", sagt der Ungar Horn, "wir haben die jahrzehntelange Trennung beider Völker beendet, die Freundschaft verhindert hat." Und sein Amtskollege Mock sagt: "Es ist dies ein Fenster für die Zukunft. Es ist dies auch eine große Hoffnung, dass eines Tages, in wenigen Jahren in ganz Europa, das, was uns trennt an Mauern und Drahtzäunen endgültig verschwindet."

Die Szene ist eine Inszenierung, denn das Wichtigste ist da bereits längst geschehen. Ein ZDF-Reporter berichtet Anfang Mai 1989, also fast zwei Monate vor dem Foto-Termin, über den Abbau der Grenzanlagen in Ungarn: "Die Soldaten der ungarischen Grenztruppen haben die Maschinenpistole mit der Drahtzange vertauscht."

Vor 25 Jahren zerschnitten Horn und Mock den Eisernen Vorhang
S. Ozsváth, ARD Wien
27.06.2014 08:12 Uhr

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Der Abbau der Grenzanlagen - ein Testballon für die ungarischen Reformer. Wie würde Moskau  reagieren? Der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, drückte beide Augen zu. Es folgte der nächste Test: der Foto-Termin mit Horn und Mock.

Die Idee zu der Begegnung hatten die Österreicher. Miklós Németh, damals ungarischer Ministerpräsident, sagt im Rückblick im ARD-Interview: "Ich habe sofort den Chef der Grenztruppen angewiesen: 'Sie müssen 200 Meter Eisernen Vorhang wieder aufbauen, denn die beiden Außenminister werden ihn mit ihren Drahtscheren zerschneiden - vor den Augen der Weltöffentlichkeit.' Das war am 27. Juni. Wir mussten den Eisernen Vorhang aufbauen und direkt danach wieder abbauen."

Die Reisewelle rollt

Die Vorsicht der Ungarn ist berechtigt, denn damals stehen noch russische Truppen im Land. Die Rechnung der ungarischen Reformer geht aber auf. Moskau verhält sich still. In der DDR erfahren die Menschen von der Promi-Begegnung am rekonstruierten Grenzzaun. Die Bilder setzen eine Reisewelle in Gang.

DDR-ܜbersiedler umarmen sich am 11.09.1989 in ֖sterreich. Mehr als 10.000 ܜbersiedler kamen in den ersten 24 Stunden nach der ֖ffnung der ungarischen Grenze über ֖sterreich in die bayerischen Auffanglager.
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Geschafft. Am 11.09.1989 haben diese DDR-Bürger es über Ungarn nach Österreich geschafft.

"Obwohl das keine faktische Bedeutung mehr hatte, war das auch wieder eine Fernsehsequenz, die in der DDR wieder großen Eindruck machen musste. Eine symbolische Handlung, aber von Symbolen geht häufig eben eine größere Wirkung aus als von politischen Entscheidungen", sagt Andreas Oplatka, der in Budapest osteuropäische Geschichte lehrt.

Tausende DDR-Bürger machen sich in der Folge auf den Weg nach Ungarn und warten auf ihre Chance, den Eisernen Vorhang hinter sich zu lassen. Németh, der heute am Plattensee lebt, erinnert sich. Damals machte er mit seiner Familie Urlaub dort: "Ich sah mit eigenen Augen, wie viele Familien ihre Zelte aufstellten - nicht auf dem Campingplatz, sondern an der Straße. Da wusste ich, früher oder später müsste eine große Entscheidung folgen."

Der dritte Streich - ein paneuropäisches Picknick

Glückliche ܜbersiedler aus der DDR treffen am 11. September 1989 in einem Reisebus über ֖sterreich in Bayern ein und halten ihren neuen bundesdeutschen Reisepass an die Fensterscheiben.
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Mit neuem Reisepass in Bayern. Mehr als 10.000 DDR-ܜbersiedler machten es wie sie in den ersten 24 Stunden nach der ֖ffnung der ungarischen Grenze.

Ende  August dann folgt der dritte Streich der Regierung Németh: das paneuropäische Picknick an der Grenze zu Österreich. 600 DDR-Bürger nutzen es, um zu fliehen. Die Ungarn schießen nicht mehr. Die erste Massenflucht gelingt. Im September öffnet Ungarn dann aktiv die Grenze für Tausende. Kurz darauf fällt auch in Deutschland die Mauer.

Was bedeutet das Durchschneiden des Grenzzauns heute für die Ungarn? Eine Frau sagt: "Wie könnte ich mich nicht daran erinnern? Das war eine große Sache. Wir hatten sehr gute Freunde aus der DDR. Für sie war das sehr gut. Gut, dass sie ihn abgebaut haben. Es ist nicht alles O.K., aber ich kann ohne Pass nach Holland oder Deutschland reisen. Das ist viel wert."

Ein Budapester Rentner pflichtet ihr bei: "Egal, welche Schweinereien es seitdem wieder gab. Churchill hat das wohl einmal gesagt: 'Demokratie ist besser als das Leiden von Millionen.'"

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Die Berliner Mauer

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