Das ausgebrannte Hochhaus Grenfell Tower in Londond | Bildquelle: dpa

Grenfell-Untersuchung Auf der Suche nach Antworten - und Trost

Stand: 14.09.2017 15:33 Uhr

Wie konnte es im "London des 21. Jahrhunderts" zu einem Hochhausbrand mit 80 Toten kommen? Eine Untersuchung soll die Hintergründe der Grenfell-Katastrophe klären, doch Überlebende und Angehörige sind skeptisch.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Eine Schweigeminute für die Opfer - damit begann die Untersuchung der Feuerkatastrophe. Etwa 80 Menschen kamen am 14. Juni im lichterloh brennenden Grenfell Tower ums Leben, die genaue Zahl der Toten wird sich aber wohl nie klären lassen. Knapp 60 von ihnen sind inzwischen identifiziert, doch noch immer werden in der Ruine menschliche Überreste gefunden.

"Wir sind uns nicht nur im Klaren, dass hier so viele Menschen gestorben sind oder verletzt wurden, sondern auch, dass viele jetzt noch unter diesen schrecklichen Erfahrungen leiden. Viele haben alles verloren, und sind immer noch auf Hilfe angewiesen", sagte mit der Untersuchung betraute Martin Moore-Bick zum Auftakt. Erst zwei Familien haben inzwischen eine dauerhafte neue Wohnung gefunden, die meisten anderen leben noch immer in Hotels.

Zweifel der Angehörigen

Eine Stunde lang erklärte der von Premierministerin Theresa May aus dem Ruhestand zurückgeholte Richter, was er in den kommenden Wochen und Monaten erreichen will: Die Untersuchung könne diese Katastrophe zwar nicht ungeschehen machen. "Aber sie wird Antworten auf die drängenden Fragen geben, warum ein Desaster dieses Ausmaßes im London des 21. Jahrhunderts passieren konnte, und damit den Betroffenen zumindest ein bisschen Trost spenden."

Martin Moore-Bick | Bildquelle: dpa
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Der pensionierte Richter Martin Moore-Bick leitet die Grenfell-Untersuchung

Nach den bisherigen Erkenntnissen war ein in Brand geratener Kühlschrank Auslöser der Katastrophe. Die neue, offenbar leicht entflammbare Fassadenverkleidung sorgte dafür, dass sich das Feuer in Windeseile verbreitete.

Überlebende und Angehörige der Todesopfer zweifeln daran, dass die Untersuchung die wahren Hintergründe der Katastrophe aufdeckt. Rechtsanwältin Ismet Rawat, die zahlreiche Betroffene vertritt, war nach der Auftakterklärung enttäuscht: "Wir fordern eine breitere Untersuchung, die die Themen betreffen, die essentiell für die betroffenen Menschen sind. Themen, die den Sozialen Wohnungsbau und die Sparpolitik in diesem Land betreffen." Dieses Feuer sei nicht in einem Vakuum entstanden. "Es gibt da politische Zusammenhänge."

"Gerechtigkeit für die Toten"

Die Menschen in Nord-Kensington, am Rande des reichsten Stadtbezirks in ganz Großbritannien, fühlten sich schon vor dem Feuer allein gelassen, vernachlässigt und nicht ernst genommen. Umgerechnet knapp 70.000 Euro mehr hätte eine schwer entflammbare Fassadenverkleidung für den Grenfell Tower gekostet, eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Gesamtkosten der Renovierung von über zehn Millionen.

Flammen schlagen aus einem Wohn-Hochhaus in London | Bildquelle: REUTERS
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In der Nacht zum 14. Juni brach in dem 24-stöckigen Wohnhochhaus das verheerende Feuer aus

Es sind solche Entscheidungen, die Menschen wie Shah Aghlani noch immer wütend machen: "Ich habe meine Mutter und meine Tante in dem Feuer verloren. Ich fühle mich verpflichtet, ihnen Gerechtigkeit zu Teil werden zu lassen. Wir werden nicht schweigen, und wir werden unsere Unterstützung zurückziehen, wenn diese Untersuchung in die falsche Richtung läuft."

Keine strafrechtliche Untersuchung

Richter Moore-Bick sicherte zu, dass die Betroffenen ausführlich gehört würden. Aber sie würden nicht, wie von ihnen gefordert, einen Beisitzerstatus in dem Gremium bekommen. Andernfalls wäre die Unparteilichkeit dieser Untersuchung gefährdet, so Moore-Bick.

Mehr zum Thema

Diese Untersuchung wird keine Schuldigen verurteilen. Sie kann aber wertvolle Hinweise für weitere, strafrechtliche Untersuchungen geben. So ermittelt parallel Scotland Yard wegen Mordes gegen Entscheidungsträger in staatlichen Stellen und Unternehmen.

Über dieses Thema berichteten am 14. September 2017 NDR Info um 14:38 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.

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