Brennender Grenfell-Turm | Bildquelle: AFP

Grenfell-Katastrophe Feuerwehr mitverantwortlich für Tote

Stand: 30.10.2019 16:40 Uhr

Im Juni 2017 starben 72 Menschen beim Brand des Grenfell-Turms in London. Ein Zwischenbericht weist der Feuerwehr eine Mitverantwortung zu. Viele Opfer blieben auf deren Anweisung in ihren Wohnungen.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Die Feuerwehrleute galten eigentlich als die Helden der Grenfell-Tragödie von London. Auch unter Einsatz ihres eigenen Lebens versuchten sie, in der Nacht zum 14. Juni 2017 Menschen aus dem lichterloh brennenden Hochhaus zu retten. Auch daran erinnerte der frühere Richter Martin Moore-Bick heute bei der Vorlage seines Teilberichts. Er erkenne den Mut und die Pflichterfüllung der Feuerwehrleute an, die in der Nacht immer wieder in das Gebäude vorgedrungen seien, um unter großen Gefahren Bewohner zu retten.

Systematisches Versagen der Feuerwehr

Doch so sehr er die individuellen Anstrengungen der Feuerwehrleute anerkennt, so sehr verdammt der frühere Richter den Gesamteinsatz der Londoner Feuerwehr und konstatiert ein systematisches Versagen ihrer Organisation. Im Einzelnen stellt der Bericht der von Moore-Bick geleiteten Untersuchungskommission fest, dass die Londoner Feuerwehr auf einen Hochhausbrand dieser Art überhaupt nicht vorbereitet gewesen sei:

"Die Einsatzleiter wurden nicht dafür trainiert, einen Brand in der Außenverkleidung eines Hochhauses zu erkennen. Und auch nicht, wie sie darauf reagieren müssen. Es gab keinen Notfallplan für die Evakuierung des Hochhauses. Die Feuerwehr hat es versäumt, rechtzeitig die Anweisung an die Bewohner zurückzunehmen, in ihren Wohnungen zu bleiben, zu einer Zeit, als die Treppen noch passierbar waren. Wenn sie das getan hätte, wären mehr Menschen gerettet worden."

Menschen blieben in ihren Wohnungen

Stattdessen starben 72 Menschen in den Flammen des Grenfell-Hochhauses. Viele von ihnen, weil sie der Anweisung der Feuerwehr folgten, in ihrer vermeintlich sicheren Wohnung zu bleiben. Außerdem heißt es in dem Bericht, die Notrufzentrale der Feuerwehr sei unterbesetzt gewesen. Die Kommunikationskanäle der Feuerwehr brachen in dieser Nacht zusammen - die Feuerwehrleute am Brandort erfuhren nicht, was die Menschen aus ihren Wohnungen an die Notrufzentrale berichteten. Die Londoner Feuerwehr habe es versäumt, die Lektionen aus ähnlichen Bränden zu lernen - so das Fazit des Berichts.

Brandursache war ein Kurzschluss

Der Report bestätigt die bisherigen Annahmen über die Brandursache: "Die Ursache war ein Kurzschluss in einem Kühl- und Gefrierschrank in der Wohnung Nummer 16. Die Flammen breiteten sich aus, hinter die Verkleidung der Außenwand und von dort nach oben und rund um das Gebäude. Der Brand breitete sich so schnell und verheerend aus, weil die Verkleidung zwischen den Aluminiumplatten einen Kern aus hoch entflammbarem Polyäthylen enthielt." Beim Einbau sei gegen die Bauvorschriften verstoßen worden, heißt es in dem Bericht.

Die Kommission will sich von Januar an mit den eigentlich Verantwortlichen der Katastrophe beschäftigen: Mit den Bauunternehmen, die das Hochhaus verkleidet haben, mit den Aufsichtsbehörden und der Kommunalverwaltung. Jetzt aber, nach diesem ersten Bericht, trifft der Bannstrahl des ehemaligen Richters erst einmal die Feuerwehr.

Feuerwehrgewerkschaft weist Vorwürfe zurück

Die britische Feuerwehrgewerkschaft FBU wies die Vorwürfe gegen die Einsatzkräfte zurück. Es gebe keine Beweise, dass eine frühere Evakuierung des Gebäudes mehr Leben gerettet hätte, sagte FBU-Chef Matt Wrack. Die Feuerwehrleute hätten mutig und selbstlos reagiert. "Die wahren Schuldigen sind diejenigen, die das Gebäude mit brennbarem Material ummantelt haben, den britischen Brandschutz ausgeweidet haben, Warnungen durch vorige Brände ignoriert haben und nicht die Bitten einer um ihre Sicherheit besorgten Gemeinschaft erhört haben."

Grenfell-Brand - Bericht kritisiert Feuerwehr
Jens-Peter Marquardt, ARD London
30.10.2019 14:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Oktober 2019 um 07:51 Uhr.

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