"The Great Bubble Barrier", die große Blasen-Barriere, reinigt mit Luftblasen die Grachten von Amsterdam. | Bildquelle: Gudrun Engel

Grachten in Amsterdam Mit Blubberblasen gegen Müll

Stand: 13.11.2019 14:07 Uhr

Luftblasen wirbeln Müll auf, der dann abgefischt werden kann. Junge Erfinder haben diese Idee ausgeheckt, um so die Grachten in Amsterdam zu reinigen. Dort funktioniert es, vielleicht auch bald weltweit.

Von Gudrun Engel, WDR

Schwungvoll wirft Dirk Visee seine Angel aus - in hohem Bogen in Amsterdams berühmte Prinsengracht. Der passionierte Angler wohnt gleich nebenan und kommt zweimal die Woche zum Angeln. "Barsche, Zander und Krebse - habe ich alles schon hier gefangen."

Das Wasser sei sehr sauber, sagt er, auch wenn die trübe Brühe nicht so aussieht. Aber der Müll ist ein Problem: Plastik überall. Und wie zum Beweis hängt tatsächlich eine große schwarze Einkaufstüte aus Plastik am Haken, als er die Angel wieder einholt.

Ein Mann angelt in an der Prinsengracht in Amsterdam | Bildquelle: Gudrun Engel
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Angler Dirk Visee fischt neben Barsch und Zander oft auch Plastiktüten aus der Prinsengracht.

Plastikmüll ist allgegenwärtig in den weltberühmten Grachten Amsterdams. Unzählige Flaschen, Tüten und Verpackungen treiben an der Oberfläche. In Mauernischen oder Ecken bündelt sich der Abfall oft zu schwimmenden Müllnestern zusammen. Und das ist nur der sichtbare Teil.

5,5 Mio Plastikmüll in Flüssen

5,5 Millionen Tonnen Plastik landen weltweit jedes Jahr in Flüssen. Und werden von dort in die Meere weitergetrieben. Die Gründe sind vielfältig. In Amsterdam etwa gibt es wegen der baulichen Situation keine unterirdischen Müllcontainer. Wind, Ratten und Möwen sorgen dafür, dass Müll von der Straße in die Grachten geweht oder getragen wird. Die 17 Millionen Touristen, die die Stadt jedes Jahr besuchen, tragen ihren Teil dazu bei.

Mit einem neuen Projekt wollen ambitionierte junge Erfinder das Problem jetzt angehen. "The Great Bubble Barrier", die große Blasen-Barriere, heißt ihre Erfindung, die jetzt mitten in Amsterdam, in der Prinsengracht eingesetzt wird: eine Waschanlage für die Grachten.

#kurzerklärt: Luftblasen gegen Plastik
13.11.2019

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Vorhang aus Luftbläschen

Auf dem Boden der Gracht liegt dafür ein dicker Schlauch, in engen Abständen mit Löchern versehen. Durch diesen Schlauch wird mit Druck Luft gepumpt, die dann zu tausenden kleinen Bläschen an die Oberfläche sprudeln und so eine Art Luftvorhang bildet.

"Es war uns wichtig, keine physikalische Barriere einzuziehen, sondern etwas, das trotzdem von Fischen durchschwommen werden kann und auch Schiffe nicht aufhält", erläutert Miterfinder Philip Ehrhorn die Idee. Und tatsächlich: Besonders Schwäne scheinen die Blubber-Massage am Bauch zu genießen und tummeln sich am Ende der Anlage.

Waschanlage reinigt Grachten mit Luftblasen
tagesthemen 22:15 Uhr, 13.11.2019, Gudrun Engel, ARD Brüssel

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Müll wird nach oben getrieben

Während Tiere und Schiffe den Blasenvorhang problemlos durchqueren können, wird Plastik davor aufgewirbelt und an die Wasseroberfläche getrieben. Der große Vorteil: So kann auch der Müll, den man sonst unter Wasser nicht wahrnimmt, abgefischt werden.

Das Treibgut sammelt sich dann in einem übergroßen Korb, der am Rand der Gracht vertäut ist und zwei Mal die Woche von der Stadtreinigung geleert wird. In wenigen Stunden schwappen unzählige Flaschen, Kaffeebecher, Plastiktüten und der typische Amsterdamer Mix aus Kondomen, Spritzen und Hanftütchen im Korb.

Grachten in Amsterdam | Bildquelle: Gudrun Engel
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"The Great Bubble Barrier" ist eine Waschanlage für die Grachten in Amsterdam.

86 Prozent des Mülls werden ausgefiltert

1,50 Meter tief und 60 Meter breit ist diese erste Grachtenwaschanlage. Sechs weitere sind in Planung, denn die Stadt verfügt über mehrere hundert Kilometer Wasserwege. Tests haben ergeben, dass die Sprudelwände bis zu sieben Meter tief und 200 Meter breit effektiv eingesetzt werden können. Bei Probeläufen konnten 86 Prozent des umhertreibenden Plastiks so ausgefiltert werden.

"Wir haben uns bewusst kleine und mittlere Gewässer ausgesucht", erklärt Miterfinderin Francis Zoet, "denn alles, was wir hier schon aufhalten können, müssen wir später nicht mehr mühevoll aus dem Meer fischen." Die Idee hatten die drei Niederländerinnen und ein Deutscher vor etwa drei Jahren. Jetzt wollen sie damit die Welt erobern. "Zunächst mal wollen wir hier bei uns zu Hause loslegen und die Menschen überzeugen, aber wir wissen auch, dass das größte Problem in Asien liegt."

Kein Fördertopf für Entsorgung von Plastikmüll

Das Hauptproblem: In der europäischen Wasserrahmen-Richtlinie sind zwar viele verschiedene Arten möglicher Wasserverschmutzung aufgeführt, Plastik zählt aber nicht dazu. Das heißt, dass Kommunen keinen Fördertopf extra zur Entsorgung von Plastik haben, um Projekte zu finanzieren und sie im Gegenzug auch nicht sanktioniert werden, wenn sie sich nicht um das Problem kümmern.

"Auf europäischer Ebene oder auch auf nationaler müsste das dringend geändert werden", fordert Philip Ehrhorn. Denn dass das Plastikproblem da ist, lasse sich nicht leugnen, sagt er und blickt auf den mittlerweile vollen Auffangkorb.

Ein Großteil des Plastiks soll so gar nicht erst die Nordsee erreichen. Und Angler Dirk Visee freut sich, wenn er künftig wieder Zander oder Barsche angelt, und nicht Plastiktüten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2019 um 11:47 Uhr.

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