Ein Bauer besprüht sein Feld.  | Bildquelle: dpa

Neue Studie der WHO Glyphosat - doch nicht so gefährlich?

Stand: 16.05.2016 17:13 Uhr

Ist das die überraschende Wendung im Streit um Glyphosat? Die WHO hält das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel für nicht krebserregend. Die neue Studie kommt zu einem brisanten Zeitpunkt: In dieser Woche soll die EU über die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung abstimmen.

Die neue Studie zu Glyphosat erscheint genau in der Woche, in der die EU über das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel entscheiden soll. Und sie könnte zumindest für den Streit in der Bundesregierung einen Wendepunkt darstellen: Glyphosat ist nach einer neuen UN-Studie vermutlich nicht krebserregend.

Es sei unwahrscheinlich, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme für Menschen ein Krebsrisiko darstelle, stellten Experten der Welternährungsorganisation (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest. Die Chemikalie löse vermutlich auch keine Veränderungen des menschlichen Erbguts aus.

Diese Angaben widersprechen den Ergebnissen einer Untersuchung der Internationalen Behörde für die Krebsforschung (IARC), die in Lyon ansässig ist und zur WHO gehört. Die IARC hatte Glyphosat als wahrscheinlichen Krebserreger eingestuft.

SPD lehnt Wiederzulassung derzeit ab

Auch in Deutschland streitet die schwarz-rote Regierung derzeit darüber, wie schädlich Glyphosat tatsächlich ist. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte erst vor wenigen Tagen angekündigt, die SPD-Ressorts würden eine EU-Wiederzulassung des Herbizids ablehnen. Die Argumentation: "Aus guten Gründen folgen wir in Deutschland und Europa dem Vorsorgeprinzip. Das heißt: So lange wir nicht zweifelsfrei wissen, ob Glyphosat für die Gesundheit unbedenklich ist, sollten wir diese Chemikalie auch nicht zulassen."

Agrarminister Christian Schmidt (CSU) erklärte daraufhin, er habe "überhaupt kein Verständnis für die Rolle rückwärts" von Hendricks. Inzwischen schaltete sich das Kanzleramt in den Streit ein. "Es ist offenbar, dass derzeit keine einheitliche Position der Bundesregierung vorliegt", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert noch am Freitag. Es sei durchaus normal, dass das Kanzleramt sich bei unterschiedlichen Positionen im Kabinett einschalte.

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Abstimmung in der EU noch im Mai

Die EU stimmt in dieser Woche über die weitere Zulassung des Herbizids ab. Frankreich will dagegen votieren. Sollten die deutschen Ministerien kein Einvernehmen erzielen, wird sich Deutschland bei der Abstimmung enthalten. Derzeit ist offenbar unklar, ob eine Mehrheit für eine Verlängerung zustande kommt. Für die Bundesregierung wäre das dann irgendwie doch eine politische Niederlage nach Monaten des Streits um Glyphosat: Schließlich war es Deutschland, das die Neuzulassung maßgeblich vorangetrieben hatte. Doch jetzt ist man sich in der Großen Koalition offenbar nicht mehr so einig.

Einem Vorschlagspapier zufolge soll Glyphosat für weitere neun Jahre zugelassen werden. Damit kam die EU-Kommission bereits Bedenken entgegen, denn ursprünglich sollte die Nutzung von Glyphosat für weitere 15 Jahre genehmigt werden. Das EU-Parlament hatte sich dagegen für eine auf sieben Jahre befristete Wiederzulassung ausgesprochen.

Entwurf der EU-Kommission

Einschränkungen für den Gebrauch des Mittels werden in dem Entwurf offenbar nicht festgelegt. Lediglich ein paar Empfehlungen sind aufgelistet: Die EU-Mitglieder sollten zum Beispiel prüfen, ob man Glyphosat eventuell nicht oder nur sehr sparsam in öffentlichen Parks, auf Spielplätzen oder Schulhöfen einsetzen sollte. Das EU-Parlament forderte hingegen, dass Glyphosat an solch sensiblen Orten ganz verboten wird - und auch gleich noch aus dem Einzelhandel verschwindet, damit es Hobbygärtner gar nicht mehr verspritzen können.

Die Kommission hingegen verweist auf Studien, die zeigen sollen: Glyphosat-Rückstände seien nicht krebserregend. Diese Studien stammen beispielsweise von der Bundesagentur für Risikobewertung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit gab der EU-Kommission grünes Licht für eine erneute Zulassung. Nach vielen Gegenstimmen dürfte die nun vorgestellte Studie von Weltgesundheitsorganisation und Welternährungsorganisation den Befürwortern Auftrieb geben.

WHO gegen WHO?

Doch warum gab die IARC, ebenfalls Teil der WHO, eine Warnung vor Krebs heraus und warum sagt ein anderer Teil der WHO nun etwas komplett anderes? Der Unterschied liegt in der Art der Fragestellung: In Risikoeinschätzungen geht es um mögliche Krankheitsfolgen als Folge von normalen Rückstandsmengen. Die Gefahreneinschätzung, die die IARC machte und die daraufhin Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" einstufte, legt die Frage zugrunde, ob ein Stoff grundsätzlich Krebs auslösen könnte - unabhängig von seiner Menge.

Glyphosat wird seit den 1970er Jahren in der Landwirtschaft eingesetzt. Der US-Konzern Monsanto vertreibt es unter dem Markennamen Roundup und erzielte damit im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,8 Milliarden Dollar. Auch andere Konzerne produzieren das Mittel.

Stichwort: Glyphosat

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es ist Hauptbestandteil verschiedener am Markt erhältlicher Unkrautvernichtungsmittel. Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat enthalten, gehören zu den weltweit am häufigsten verwendeten Herbiziden. Pflanzen nehmen Glyphosat durch ihre Blätter und andere grüne Pflanzenteile auf. Glyphosat blockiert die Produktion bestimmter Aminosäuren, die wichtig für das Wachstum der Pflanzen sind. Während die Internationale Behörde für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der WHO, in einer neuen Bewertung zum Schluss kommt, dass Glyphosat für den Menschen wahrscheinlich krebserzeugend ist, haben zuvor andere Studien keine Hinweise darauf gegeben.

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