Ein Giftfass am Meeresgrund, Catalina Island/USA. | David Valentine UC Santa Barbara ROV Jason

Vor Kaliforniens Küste Tausende Giftfässer im Meer entdeckt

Stand: 29.04.2021 16:24 Uhr

Vor Kalifornien haben Wissenschaftler Zehntausende Fässer entdeckt, die wohl das Insektenvernichtungsmittel DDT enthalten. Die Gefahr für die Tier- und Pflanzenwelt ist noch nicht abzuschätzen.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles.

Catalina Island ist eine malerische Insel vor der Küste Kaliforniens, bekannt für ihre wunderschöne Landschaften und ihren Artenreichtum. Auf der Insel, aber auch im pazifischen Ozean. Leopardenhaie, Mondfische oder Robben tummeln sich im Wasser.

Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

Doch tief unter der Meeresoberfläche haben Forschende eine riesige Giftmüllhalde entdeckt. In 900 Metern Tiefe liegen mindestens 27.000 Fässer mit dem Insektenvernichtungsmittel DDT, die dort vor Jahrzehnten illegal entsorgt worden sein sollen.

"Wir wussten, dass dort Müll schon in den 1940er-, 50er- und 60er-Jahren abgeladen wurde, aber das wurde dann wieder vergessen", sagt David Valentine, Ozeanograf vom Marine Science Institute der Küstenstadt Santa Barbara. Er beschäftigt sich seit zehn Jahren mit den Unterwasser-Abfällen. Mit einer so großen Menge an DDT habe er allerdings nicht gerechnet. "Es ist eine Art Spitze des Eisbergs dessen, was wirklich da unten ist."

Ein U-Boot in der Bucht von Catalina Island, Kalifornien/USA. | K. Wilhelm

Bild: K. Wilhelm

DDT seit 1972 in den USA verboten

DDT wurde lange Zeit beispielsweise in der Landwirtschaft im Kampf gegen Insekten und zur Malariabekämpfung eingesetzt. 1972 wurde DDT in den USA verboten. In Los Angeles stellte die Firma Montrose lange Zeit DDT her - es ist bekannt, dass das Unternehmen illegal Fässer im Pazifik entsorgt hatte. Erst im Jahr 2001 zahlte Montrose nach einem Vergleich 140 Millionen US-Dollar an die Umweltbehörde EPA.  

Die Forschenden dachten, sie wüssten etwa, wie groß das Ausmaß an DDT-Giftmüll im Pazifik sei - Ozeanograf David Valentine wollte der Sache aber noch weiter auf den Grund gehen. 2011 schickte er dafür einen Tauchroboter in die Tiefe.

Ein Giftfass am Meeresgrund, Catalina Island/USA. | David Valentine UC Santa Barbara ROV Jason

Bild: David Valentine UC Santa Barbara ROV Jason

Mindestens 27.000 DDT-Fässer

"Auf unseren Karten sahen wir kleine Vorsprünge, die nicht vorhanden sein sollten. Es sah aus wie eine Spur von Brotkrumen", so Valentine. Bei weiteren Untersuchungen mit einem ferngesteuerten Tauchroboter mit Greifarm hätten die Forscherinnen und Forscher dann Proben genommen. "Die Ergebnisse zeigten uns, dass es sich um DDT handelt, das aus den Fässern entwichen war und in hohen Mengen im Sediment nachweisbar ist.“

Der Ozeanograf veröffentlichte seine Ergebnisse 2019 in einer Studie, die nach und nach für mehr Aufmerksamkeit sorgte. Das Ozeanographie-Institute Scripps aus dem südlichen San Diego bot Hilfe an und untersuchte vor einem Monat erneut den Meeresboden vor Catalina Island.

Bei den Untersuchungen entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ungefähr 100.000 vom Menschen geschaffene Objekte auf dem Meeresboden, von denen mehr als 27.000 wahrscheinlich DDT-Fässer seien. "Ich denke, 27.000 ist wahrscheinlich eine wirklich niedrige Schätzung. Es war zum Teil ein Schock, aber auch eine Bestätigung", so Valentine.

Ein Giftfass am Meeresgrund, Catalina Island/USA. | David Valentine UC Santa Barbara ROV Jason

Bild: David Valentine UC Santa Barbara ROV Jason

Fläche so groß wie San Francisco

Die Forschenden sagen, sie hätten Fässer auf einer Fläche mindestens von der Größe der Stadt San Francisco gefunden, ein Ende sei nicht absehbar gewesen. Die Suche hätten noch tagelang weitergehen können. 

Wie viel Gift aus den Fässern entweichen konnte und welche Auswirkungen dies auf die Tier- und Pflanzenwelt des Pazifiks hat, ist noch völlig unklar. Vom Schwimmen allein geht Forschern zufolge keine Gefahr aus. Doch DDT kann sich im Fettgewebe von Menschen und Tieren anreichern, wenn es über die Nahrung aufgenommen wird, beispielsweise durch Fisch. Bei Vögeln kann es beispielsweise dazu führen, dass sie Eier mit einer dünneren Schale legen.

Manche Forscher glauben, dass das DDT Krebsgeschwüre bei den Robben an der kalifornischen Küste ausgelöst haben könnten: "Um die 25 Prozent der erwachsenen und heranwachsenden Robben haben Krebs, das ist eine alarmierende Zahl“, sagt die Direktorin des Meerestiere-Instituts in San Francisco, Cara Field, dem lokalen Nachrichtensender.

Bergung der Fässer birgt weitere Gefahr

Doch was nun - die Giftfässer aus dem Meer ziehen? "Das Problem ist, dass wir noch zu sehr im Dunkeln stochern, uns fehlt es noch an vielen Informationen", sagt Valentine. Unklar ist, in welchem Zustand alle Fässer sind, ob sie korrodiert sind oder Risse haben; ob es gefährlicher wäre, sie zu bergen statt im Meer zu lassen. 

Nun müsse man verschiedene Behörden ins Boot holen und vor allem auch neben dem Bundesstaat Kalifornien die US-Regierung um Hilfe bitten. Valentine ist zuversichtlich. Vor einem Jahr unter Trump wäre das wohl nicht möglich gewesen, sagt er und prophezeit: Die Giftmüllfässer vor Catalina Island werden die Forschenden mindestens zehn Jahre lang beschäftigen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Umwelt und Verbraucher" am 29. April 2021 um 11:46 Uhr.