Ex-Renault-Konzernchef Carlos Ghosn, Archivbild | Bildquelle: JEREMY LEMPIN/EPA-EFE/REX

Details zum Fall Ghosn Der Mann, der in der Kiste floh

Stand: 07.01.2020 11:25 Uhr

Ex-Renault-Chef Ghosn hat bei seiner spektakulären Flucht offenbar nichts dem Zufall überlassen: Laut Medienberichten ging es erst per Schnellzug nach Osaka, dann in einer Kiste versteckt außer Landes - mit professioneller Hilfe.

Dass sich der in Japan unter Anklage stehende frühere Automanager Carlos Ghosn Ende Dezember plötzlich aus dem Libanon meldete, hatte bei den Ermittlern für Entsetzen gesorgt. Jetzt werden immer mehr Details seiner spektakulären Flucht bekannt. So hatte Ghosn laut japanischen Medienberichten Unterstützung unter anderem von zwei Amerikanern, die extra für den Coup nach Japan gereist sein sollen. Dies habe die Analyse von Aufnahmen mehrerer Sicherheitskameras ergeben. Mit Hilfe der beiden Männer habe er das Land verlassen können - offenbar versteckt in einer Kiste.

Hilfe von ehemaligem US-Elitekämpfer

Laut den Medienberichten ergibt sich inzwischen folgendes Bild vom Fluchttag: Ghosn, der gegen Kaution auf freiem Fuß war, habe sein Haus in Tokio am 29. Dezember allein verlassen und sei rund 800 Meter zu einem Hotel gegangen. Dort habe er zwei Amerikaner getroffen, berichtete der Fernsehsender NHK. Nach Informationen der "New York Times" soll es sich bei einem der beiden um Michael Taylor handeln, ein US-Sicherheitsberater und früheres Mitglied der "Green Berets", der dienstältesten Spezialeinheit der US-Armee.

Ein Sicherheitsmann bewacht das Wohnhaus von Ghosn im Libanon | Bildquelle: AP
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Sicherheitsdienst vor dem privaten Wohnhaus von Ghosn in Beirut.

Mit dem Shinkansen von Tokio nach Osaka

Die beiden Helfer seien an jenem Morgen von Dubai kommend mit einem Privatjet auf dem Internationalen Flughafen Kansai in Osaka gelandet. Sie hätten in der Nähe in einem Hotel eingecheckt und eine große Kiste dabei gehabt. Später seien sie mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen von Osaka nach Tokio gefahren. Anschließend sei Ghosn mit ihnen per Shinkansen von Tokio zurück nach Osaka zum Hotel gefahren, hieß es in japanischen Medienberichten weiter.

Zwei Stunden später hätten die Amerikaner mit zwei großen Kisten das Hotel verlassen. Ghosn sei nicht zu sehen gewesen. Die Kisten seien als Gepäck für Musikinstrumente deklariert gewesen und am Flughafen nicht durchleuchtet worden. Auch am Zoll seien sie nicht geöffnet worden.

Im Privatjet nach Istanbul

Der Privatjet sei gegen 23.10 Uhr Ortszeit Richtung Türkei gestartet. Japans Behörden gehen davon aus, dass Ghosn in einer der beiden Kisten versteckt war. Er nutzte für seine Flucht Jets der türkischen Firma MNG, wie die Charterfirma am Freitag bekannt gab. Das Unternehmen flog Ghosn demnach unwissentlich erst nach Istanbul und dann weiter nach Beirut. Nach Angaben des japanischen Justizministeriums erstattete MNG Anzeige, "um jene zu belangen, die beteiligt waren".

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu hatte berichtet, dass in der Türkei sieben mutmaßliche Helfer festgenommen worden seien, darunter vier Piloten.

Haftbefehl gegen Carole Ghosn

Japan nimmt den Fall zum Anlass, Sicherheitslücken zu schließen: Transportminister Kazuyoshi Akaba kündigte an, dass in Zukunft große Gepäckstücke von Passagieren von Privatflugzeugen inspiziert werden müssen.

Die japanische Staatsanwaltschaft erwirkte zudem einen Haftbefehl gegen Ghosns Frau Carole. Ihr werde vorgeworfen, im vergangenen April bei einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft vor Gericht Falschaussagen gemacht zu haben, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Carole Ghosn hatte immer wieder die Haftbedingungen ihres Mannes in Japan scharf kritisiert und angezweifelt, dass er einen fairen Prozess bekomme.

Carlos Ghosn und seine Frau Carole | Bildquelle: AP
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Carole Ghosn hatte die Haftbedingungen immer wieder kritisiert.

Eine Bedingung für Ghosns Entlassung aus der monatelangen Untersuchungshaft gegen Kaution war gewesen, dass er weder Japan verlässt noch ohne Erlaubnis Kontakt zu seiner Frau aufnimmt. Die Ermittler schließen aber nicht aus, dass Ghosns Frau in die Fluchtpläne eingeweiht war.

Flucht vor Unrecht und politischer Verfolgung

Ghosn war Chef des Verwaltungsrates von Renault-Nissan, als er im November 2018 in Japan festgenommen worden war. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen zu haben. Ghosn weist die Vorwürfe zurück. Er will sich am Mittwoch in Beirut erstmals vor der Presse erklären und dann mutmaßlich auch über Details seiner Flucht sprechen.

Ghosn, der auch die libanesische Staatsbürgerschaft besitzt, hat sich seinen Zufluchtsort offenbar bewusst ausgesucht: Da der Libanon kein Auslieferungsabkommen mit Japan hat, wähnt er sich dort in Sicherheit vor der japanischen Strafverfolgung. "Ich bin dem Unrecht und politischer Verfolgung entkommen", hatte er erklärt.

Der Preis, den Ghosn dafür bereit war zu zahlen, lässt sich in Teilen schon beziffern: Die umgerechnet 12,4 Millionen Euro, die er als Kaution in Japan hinterlegen musste, behält der japanische Staat ein. Das beschloss jetzt ein Bezirksgericht in Tokio.

Flucht von Carlos Ghosn: japanische Justizministerin hält sich bedeckt
Kathrin Erdmann, ARD Tokio
07.01.2020 13:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Januar 2020 um 10:00 Uhr.

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