Ein Obdachloser schläft neben Tüten auf einem Bürgersteig. | Bildquelle: dpa

Gewalt gegen Obdachlose Kein neues Problem

Stand: 27.12.2016 20:44 Uhr

Der Versuch von jungen Männern in Berlin, einen Obdachlosen anzuzünden, hat bundesweit schockierte Reaktionen hervorgerufen. Doch Gewalt gegen Menschen auf der Straße ist kein neues Problem.

Von Benjamin Laufer für tagesschau.de

Der Angriff auf einen Obdachlosen in Berlin ist einer von vielen Fällen, in denen Menschen auf der Straße Opfer von Gewalt wurden. "Übergriffe auf Obdachlose sind nicht neu", sagt Dieter Puhl, Leiter der Berliner Bahnhofsmission. Immer wieder komme es zu Gewalt, der die Menschen auf der Straße oft schutzlos ausgeliefert seien.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat versucht, die Fälle aufzulisten: 652 Mal wurden demnach zwischen 1989 und 2015 Obdachlose Opfer von Körperverletzungen - gerade in den zurückliegenden Jahren gab es viele solcher Fälle.

Das seien nur "Mindestwerte", betont die Arbeitsgemeinschaft, die die Zahlen aus Presseberichten erhoben hat. Denn bei welchen Gewalttaten die Opfer obdachlos waren, wird in den polizeilichen Statistiken nicht gesondert erfasst. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher. Und nicht selten gehen die Übergriffe sogar tödlich aus: 225 Menschen ohne Wohnung kamen nach der Statistik seit 1989 durch Gewalt ums Leben. "Obdachlose Menschen hatten in Deutschland noch nie einen gesellschaftlichen Rückhalt", sagt Dieter Puhl.

"Menschenverachtende Motive"

Laut BAG W spielen bei den Übergriffen "menschenverachtende Motive" eine zentrale Rolle. Die Arbeitsgemeinschaft sieht einen Zusammenhang mit Ressentiments, die es gegenüber Obdachlosen in der Gesellschaft gebe. Die aktuelle "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt: 19,4 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, die meisten Obdachlosen seien "arbeitsscheu". Dass bettelnde Obdachlose "aus den Fußgängerzonen entfernt werden" sollen, befanden mehr als ein Drittel für richtig.

Für die Wissenschaftler des Bielefelder Instituts für Konfliktforschung sind solche ablehnenden Einstellungen gegenüber Wohnungslosen Teil von "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit".

Tatsächlich ist der Hass auf obdachlose Menschen auch Bestandteil rechter Ideologie: So waren von den 179 Menschen, die laut der Amadeu Antonio Stiftung seit 1990 Opfer von rechter Gewalt wurden, 25 obdachlos.

Gewalt auch unter Obdachlosen verbreitet

Ein beachtlicher Teil der Gewalttaten gegen Obdachlose wird von anderen Obdachlosen begangen. Die Dunkelziffer ist auch hier unklar. Häufig seien Streitigkeiten um Schlafplätze oder Besitztümer der Grund für Auseinandersetzungen, sagt der Sozialarbeiter des Hamburger Straßenmagazins "Hinz&Kunzt", Stephan Karrenbauer. Viele Obdachlose würden sogar stets mit offenem Schlafsack schlafen, um im Ernstfall schnell reagieren zu können: "Die meisten Obdachlosen haben Angst, dass sie von anderen, die auch nichts haben, überfallen werden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Dezember 2016 um 20:00 Uhr.

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