Recep Tayyip Erdogan | AFP

Nach Stopp durch Kreml Türkei kämpft um Getreidedeal

Stand: 31.10.2022 18:49 Uhr

Es war eine der wenigen positiven Entwicklungen im Ukraine-Krieg: das Getreideabkommen. Die Türkei hatte es mit vermittelt. Jetzt setzt sie sich dafür ein, dass es weiter gilt. Auch für Präsident Erdogan geht es um viel.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Wie an einer Perlenkette aufgezogen steuern die Frachter von der Ukraine Richtung Istanbul. Im Moment sind sie noch vor der ukrainischen Küste. Das zeigt beispielsweise das Portal "Marine Traffic". In der Vergangenheit fuhren die Getreideschiffe im Rahmen des Istanbuler Abkommens von Juli - und damit auch relativ sicher.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Jetzt, wo es Russland ausgesetzt hat, sieht das anders aus. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow spricht von einem anderen Charakter. Es sei jetzt viel riskanter, gefährlicher und ohne Garantie, so Peskow. Das Außenministerium in Moskau und andere Behörden würden aber weiter Kontakt mit der türkischen Seite und den Vereinten Nationen halten.

Im Koordinierungszentrum in Istanbul sitzen Vertreter aus der Ukraine, der Türkei und von den Vereinten Nationen - und auch immer noch aus Russland. Gestern hatte man Transporte für heute dort angekündigt, aber nicht mehr mit Russland abgestimmt.

Abkommen großer Erfolg für Erdogan

Der türkische Russland-Experte und regierungskritische Journalist Hakan Aksay geht davon aus, dass jetzt nur noch wenige Schiffe durch den Korridor fahren können. Darum müsse man das Gespräch mit Moskau suchen: "Wenn Russland das aber nicht akzeptieren sollte, sprich, die Sicherheit der Schiffe nicht länger garantiert, besteht die Gefahr, dass Russland die Getreideschiffe torpediert", so Aksay. "Und unter diesen Kriegsumständen, in denen das Risiko größer denn je ist, wird es sicherlich auch schwierig werden, diese Schiffe weiter zu versichern."

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war das Abkommen im Juli mit seinen Mechanismen, die den Export von Getreide aus der Ukraine ermöglichten, ein großer Erfolg. "Mit dem gemeinsamen Mechanismus, den wir in Istanbul eingerichtet haben, haben wir 9,3 Millionen Tonnen ukrainischen Weizens in den Dienst der Welt gestellt und dafür gesorgt, dass die Nahrungsmittelkrise abgemildert wird." Obwohl Russland hier zögere, weil es selbst nicht die gleichen Möglichkeiten habe, werden die Türkei "ihre Bemühungen für die Menschheit" entschlossen fortsetzen.

"Abkommen hat Russland nichts gebracht"

Denn Russland sollte es ebenfalls ermöglicht werden, Dünger und Getreide zu exportieren. Das habe so nie funktioniert, moniert Moskau.

Experte Aksay sagt, das Abkommen habe der russischen Regierung weder politisch, wirtschaftlich, noch militärisch etwas gebracht: "Zum Beispiel hat die Unterzeichnung des Abkommens Russlands Image im Westen nicht verbessert." Russland sei nach wie vor der Aggressor, trotz seiner Bereitschaft, in Sachen Getreide einen Kompromiss einzugehen, meint Aksay.

Erdogan präsentiert sich im Krieg zwischen Russland und der Ukraine als Vermittler beim Getreideabkommen - erstmals auch als erfolgreicher. Aksay ergänzt, auch mit Blick auf die Wahlen in der Türkei im kommenden Jahr: Dass dieser Deal nun platze, sei ein Rückschlag für Erdogan, "vor allem wenn man bedenkt, dass Erdogan sich ein noch größeres Ziel gesteckt hatte: nämlich Selenskyj und Putin zusammenzubringen und am besten bei einem Foto zwischen ihnen zu stehen".

Der türkische Präsident will auch Vermittler eines Waffenstillstands sein. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoglu, stellvertretender Vorsitzender der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe, meint dazu: "Ich glaube, dass zumindest mit Erdogan eine Gesprächslinie aufgebaut werden kann, auch zwischen dem Westen, der NATO. Insofern ist es nicht schädlich, dass es überhaupt noch Leute gibt, die mit Putin reden können." Aber Putin werde nicht Erdogan zuliebe - oder weil er vor Erdogan Angst habe - Zugeständnisse machen.

Übermorgen soll der Konvoi an Getreidefrachtern aus der Ukraine in Istanbul zur Kontrolle ankommen, wenn nichts passiert. Diesmal sollen allerdings nur Inspektionsteams mit türkischen Vertretern und der Vereinten Nationen an Bord gehen.