Ein Frau küsst einen Sarg zu Beginn der Trauerfeier für die Opfer der Brückenkatastrophe in Genua.  | Bildquelle: dpa

Trauerfeier in Genua Applaus für Helfer, Wut auf Politik

Stand: 18.08.2018 14:02 Uhr

Der Umgang mit der Brückenkatastrophe von Genua spaltet die Hinterbliebenen der Opfer. Etwa die Hälfte blieb der offiziellen Trauerfeier in Genua fern, aus Wut und Protest gegen die Politik.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Es gab auch kräftigen Applaus bei dieser Trauerfeier: zum Beispiel für die Einsatzkräfte der Feuerwehr und des Zivilschutzes, die in den letzten Tagen rund um die Uhr versucht haben, Lebende und Tote zu bergen. In der Nacht waren drei weitere Todesopfer geborgen worden, darunter ein neunjähriges Kind. Damit steigt die Zahl der Toten auf über 40.

Hunderte versammelten sich in einer Messehalle um 19 Särge, unter ihnen der Staatspräsident, die Regierung. Alle sprachen den Angehörigen ihr Beileid aus. Kardinal Bagnasco, der Erzbischof von Genua, suchte in seiner Ansprache nach Worten des Trostes: "Wir wissen, dass jedes menschliche Wort, auch wenn es ehrlich gemeint ist, angesichts dieser Tragöde nichts ist. Und auch jede Rechtsprechung, die es jetzt braucht, kann das nicht auslöschen und die Toten zurückbringen."

"Nichts getan, um die Katastrophe zu verhindern"

Nicht alle Angehörigen wollten dieses Requiem, nicht alle ein Staatsbegräbnis - auch aus Kritik an der Politik. Ein Mann, der seine Frau und seine beiden Kinder verlor, sagte: "Die, die uns jetzt nahe sein wollen, haben nichts getan, um die Katastrophe zu verhindern."

In den letzten Tagen waren mehrere Minister nach Genua gekommen - und hatten vor allem Schuldzuweisungen geäußert. Demnach habe der private Betreiber der Autobahn die Wartung der Brücke vernachlässigt. Ihm soll nun die Konzession entzogen werden, noch bevor überhaupt feststeht, ob die Vorwürfe stimmen.

Wut macht sich breit in Genua, auch weil offenbar Warnungen über den Zustand der Morandi-Brücke immer wieder ignoriert worden waren. Demnach hatten Experten Ende 2017 empfohlen, die Brücke genauer zu kontrollieren: Es könne Probleme mit den Tragseilen geben. Ein gerissenes, korrodiertes Tragseil könnte nun die Ursache für den Einsturz der Brücke gewesen sein.

"Entspricht nicht europäischen Sicherheitsbestimmungen"

Auch Maurizio Rossi aus Genua, der eine Zeit lang in Rom Senator war, machte immer wieder auf die Missstände aufmerksam: "Ich habe es 2013 das erste Mal gemeldet, dann 2015 und 2016, und dann noch in einem anderen Ausschuss des Parlaments", erklärt Rossi. "Da habe ich mich ganz klar auf die Morandi-Brücke bezogen und die gesamte Strecke, die nicht europäischen Sicherheitsbestimmungen entspricht. Jetzt sind Menschen gestorben, meine Stadt wurde zerstört. Ich bin wütend."

Nach der Trauer, die an diesem Wochenende im Mittelpunkt steht, wird die Diskussion über die Verantwortlichkeiten und die Konsequenzen in der kommenden Woche wieder Fahrt aufnehmen. Ob die Regierung dem Betreiber so einfach die Konzession entziehen kann, ohne teure Vertragsstrafen zu zahlen, ist noch unklar. Auch in anderen Städten Italiens, in Rom, Florenz und Agrigent etwa sollen nun Brücken ähnlicher Bauart untersucht werden. Die süditalienische Stadt Benevent hat ihre Morandi-Brücke sicherheitshalber gesperrt. 

Rivalen trauern gemeinsam

Doch heute stehen die Leiden der Angehörigen im Mittelpunkt. Dass das ein besonderer Tag für Italien ist, zeigt sich auch bei einem weltlichen Thema wie dem Fußball: Die Saisoneröffnung der Serie A soll mit einer Schweigeminute beginnen, die Spieler sollen Trauerflor tragen.

Die beiden Erstliga-Clubs aus Genua haben ihre Spiele abgesagt. Spieler der beiden Stadtrivalen waren heute gemeinsam auf der Trauerfeier.

Trauerfeier nach Brückeneinsturz von Genua
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
18.08.2018 13:16 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteten am 18. August 2018 tagesschau24 um 15:00 Uhr und Deutschlandfunk um 13:11 Uhr.

Darstellung: