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Nach weltweiter Empörung Gen-Experimente mit Embryos gestoppt?

Stand: 28.11.2018 11:44 Uhr

Nach der weltweiten Kritik über die angeblich ersten gentechnisch veränderten Babys in China hat Wissenschaftler He die Experimente offenbar ausgesetzt. Zugleich gab er bekannt, dass es eine zweite Schwangerschaft gibt.

Berichte über die angebliche Geburt zweier gentechnisch veränderter Babys in China sorgten weltweit für Kritik und Empörung. Nun hat der chinesische Wissenschaftler He Jiankui seine Experimente offenbar ausgesetzt. Die klinischen Versuche seien "aufgrund der aktuellen Situation" gestoppt worden, sagte er in Hongkong laut Nachrichtenagentur AFP. Dort hatte er sich bei einem Genomforscher-Kongress den Fragen aufgebrachter internationaler Experten gestellt.

He Jiankui | Bildquelle: dpa
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He Jiankui verteidigte seine Arbeit bei einem Kongress in Hongkong.

Der Wissenschaftler aus Shenzhen in der Provinz Guangdong hatte am Montag in einem Youtube-Video erklärt, dass er bei einem vor einigen Wochen geborenen Zwillingspaar die DNA so verändert habe, dass die beiden Mädchen vor einer HIV-Infektion geschützt seien.

Der Vater der Zwillingsmädchen sei HIV-positiv, erläuterte He nun bei dem Kongress. Für seine Versuche hatten sich demnach insgesamt acht Paare freiwillig gemeldet: Alle Väter waren HIV-positiv, die Mütter gesund. Ein Paar sei aber vor dem Ende des Experiments ausgestiegen. Daher sei das Ergebnis "unerwartet" bekannt geworden, sagte He. Dafür müsse er sich "entschuldigen".

Zugleich verteidigte He seine Arbeit. Die Wissenschaft müsse mehr tun, um Menschen mit Krankheiten zu helfen, sagte er in Hongkong. Außerdem gab er eine zweite derartige Schwangerschaft bekannt. Die zweite Schwangerschaft sei in einem sehr frühen Stadium. Es müsse abgewartet werden, ob sie bestehen bleibe, sagte He.

"Lulu" und "Nana" durch Einsatz von Crispr/Cas9 gezeugt?

Die Babys mit den Pseudonymen "Lulu" und "Nana" waren laut He durch künstliche Befruchtung gezeugt worden, wobei das sogenannte Crispr/Cas9-Gentechnikverfahren zur Erbgutveränderung, auch "Genschere" genannt, zum Einsatz kam.

Eine unabhängige Bestätigung des angeblichen medizinischen Durchbruchs gibt es bislang nicht.

Chinesische Behörden auf dem Plan

Die Ankündigung rief aber die chinesischen Behörden auf den Plan: Die Nationale Gesundheitskommission kündigte eine "minutiöse Untersuchung" an. Der Vize-Minister für Wissenschaft und Technologie, Xu Nanping, bezeichnete das Experiment als illegal. Die angeblich an dem Experiment beteiligte Klinik in Shenzhen schaltete die Polizei ein.

Die staatliche Zeitung "China Daily" berichtet, dass der Wissenschaftler für seine Versuche in der südchinesischen Stadt Shenzhen keine Genehmigung bei den Behörden eingeholt habe. Die städtische Kommission für Familienplanung und Gesundheit sei nicht informiert worden, obwohl sie zunächst das Projekt hätte ethisch bewerten müssen. Zuvor hatte bereits Hes Universität in Shenzhen mitgeteilt, nichts von den Versuchen gewusst zu haben.

Kritik von Ethikrat und Wissenschaftlern

International hatte die Ankündigung für Zweifel und scharfe Kritik gesorgt. "Bei den Experimenten handelt es sich um unverantwortliche Menschenversuche", hatte Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, betont. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt seien solche Ansätze aufs Schärfste zu kritisieren. Die Grundlagenforschung zur Genschere sei weit entfernt vom Einsatz beim Menschen. 

Auch von chinesischen Forschern kam massive Kritik: "Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden", hieß es in einem Schreiben, das 122 Forscher unterzeichneten. Die Versuche seien ein "schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft". 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. November 2018 um 11:15 Uhr.

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