Zivilisten und medizinisches Personal bringen sich in Beirut in Sicherheit | dpa

Nach Gefechten in Beirut Angst vor neuem Bürgerkrieg im Libanon

Stand: 14.10.2021 21:41 Uhr

Bei heftigen Feuergefechten sind in der libanesischen Hauptstadt Beirut mindestens sechs Menschen getötet worden. In dem Land brechen konfessionelle Gräben wieder auf.

Von Martin Durm, zzt. Beirut

Etwas lag in der Luft. Es war schon am Morgen zu spüren, dass dieser Aufmarsch der schiitischen Hisbollah vor dem Justizpalast nicht gut gehen würde. Fahnen, Parolen, geballte Fäuste. In den Seitenstraßen viel Militär. Und dann mit einem mal Schüsse.

Martin Durm

Der Justizpalast liegt im christlichen Teil der libanesischen Hauptstadt. Das Feuer wird aus den Gassen und grauen Häuserblocks des Christenviertels eröffnet. Wir gehen in Deckung. Dutzende Militärfahrzeuge blockieren die Zufahrten, schwere Humvees mit aufgepflanzten Maschinengewehren. Allerdings greifen die Soldaten der libanesischen Armee nicht ein, sondern beobachten eher wie interessierte Zaungäste, was auf den Straßen geschieht.

Oberflächlich betrachtet eskaliert in Beirut gerade der Konflikt um eine umstrittene politische Personalie. Es geht um den Ermittlungsrichter Tarek Bitar, der die Ursachen der verheerenden Explosion untersucht, die im August 2020 den Hafen Beiruts und weite Teile der libanesischen Hauptstadt verwüstete. Dabei hat Bitar auch die Rolle der Hisbollah hinterfragt.

Hisbollah fordert Absetzung von Untersuchungsrichter

Das Problem daran ist: der Richter ist Christ, wird auch von den christlichen Politikern und Gruppierungen im Libanon unterstützt. Die Hisbollah hingegen ist eine Schiiten-Miliz, die mächtigste in diesem zerrissenen Land. Sie will sich nicht auf irgendeine Anklagebank setzen lassen und fordert Bitars Absetzung. Deshalb sind ihre Anhänger vor dem Justizpalast in den christlichen Teil Beiruts gezogen.

"Bislang gab es einen Toten und mehrere Verletzte", sagt Miriam Saleh, eine Reporterin für das iranische Fernsehen, mit der wir uns hinter einer Mauer verschanzen, weil 200 Meter vor uns eine Panzerfaust einschlägt. Am Ende sterben sechs Menschen, 23 werden verletzt. Stundenlang dauern die Feuergefechte und umso heftiger vor unseren Augen gekämpft wird, umso tiefer blickt man in den Abgrund, der sich hier auftut.

Spannungen im Libanon eskalieren

Nach den Ausschreitungen in Beirut hat der libanesische Ministerpräsident Najib Mikati zur Ruhe aufgerufen und dazu, sich "aus keinem Grund in einen Bürgerkrieg ziehen zu lassen". "Der Libanon erlebt gerade eine schwierige Phase, keine leichte. Wir sind wie ein Patient vor der Notaufnahme", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Bis zur vollständigen Erholung lägen noch viele Etappen. Für Freitag kündigte Mikati eine Trauferfeier an. Präsident Michel Aoun erklärte, die Täter würden zur Rechenschaft gezogen. Die Armee nahm neun Verdächtige fest.

Konfessionelle Gräben brechen auf

Unter der Oberfläche brechen hier gerade alte konfessionelle Gräben im Libanon auf: Christen gegen Muslime, dazu politische Rivalitäten, Staatsversagen und eine nie dagewesene Wirtschaftskrise, die den Menschen jede Lebensgrundlage raubt. Alles schon mal dagewesen im libanesischen Bürgerkrieg, der 15 Jahre dauerte und 150.000 Tote hinterließ. Die Geschichte muss sich nicht wiederholen, aber sie lässt die Libanesen nicht los. "Die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg treibt uns jetzt besonders um", sagt Miriam.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2021 um 18:36 Uhr.