Gefangene IS-Kämpfer in einem kurdischen Gefängnis

IS-Häftlinge in Kurdengefängnissen "Ich will mein altes Leben zurück"

Stand: 26.11.2019 19:09 Uhr

Tausende IS-Kämpfer, darunter auch Deutsche, sitzen in kurdischen Gefängnissen. Nach dem Einmarsch der Türkei in Nordsyrien stehen diese vor dem Kollaps. Ein ARD-Team war vor Ort.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Sie liegen dicht gedrängt am Boden. Orangefarbener Gefängniskittel, graue Decke, ein Tuch über den Augen. Die meisten abgemagert, kahl rasiert, viele mit Verletzungen. Ihr Hab und Gut hängt in Plastiktüten an der Wand. Allesamt Terroristen, wie die kurdischen Aufseher sagen. Männer aus aller Welt, die sich der Terrormiliz IS in Syrien freiwillig angeschlossen haben, unter ihr gelebt, gearbeitet, oft auch gekämpft haben. Sie sind kurdischen Kämpfern in die Hände gefallen und nun im Senaa-Gefängnis bei Hassaka gestrandet, dem zweitgrößten Gefängnis in Nordsyrien.

Wie viele IS-Kämpfer hier eingesperrt sind, wollen sie uns nicht sagen. Alle Gefangenen hätten im Namen des IS Verbrechen begangen, so ein Aufseher: "Sie glauben noch immer uneingeschränkt an den IS und seine Ideologie. Sie sind gekommen, um das syrische Volk zu zerstören."

Rudimentäre Versorgung, kaum Medikamente

Dafür zahlen sie nun einen hohen Preis. Die Versorgung ist rudimentär. Krankheiten grassieren. Verletzungen werden nur notdürftig versorgt. Ein schmächtiger Gefangener aus den USA erzählt: "Ich war krank und bekam zunächst keine Medikamente. Ich habe viel Blut und Gewicht verloren, wäre fast gestorben. Schließlich haben sie mich in ein Krankenhaus gebracht und mir Antibiotika gegeben. Ich bin noch immer schwach, aber hoffe auf Besserung."

Khaled Mohammed
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Khaled Mohammed hofft, nach Deutschland zurückkehren zu können.

"Ich hoffe, ich kann nach Deutschland zurück"

Auch Deutsche sind unter den Insassen. Einer von ihnen nennt sich Khaled Mohammed. Er habe türkische Wurzeln, sei 26 Jahre alt und 2014 mit seiner Frau nach Rakka gezogen, um zu beten und unter dem IS zu leben, wie er sagt. 2017 allerdings habe der IS angefangen, Menschen abzuschlachten. Er habe fliehen wollen, aber keine Chance gehabt. Nun lebt er mit einer Verletzung am Fuß in kurdischer Gefangenschaft, läuft an Krücken und will weg.

Er hoffe, er könne nach Deutschland zurückkehren, ein normales Leben leben und seine Lehre fortsetzen, sagt er. "Ich bin türkischer Herkunft und würde auch in die Türkei gehen, dort leben, mit einer Familie, aber meine Zukunft ist ungewiss."

Aufseher in kurdischem Gefängnis
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Die Aufseher in dem kurdischen Gefängnis haben mit Aufständen zu kämpfen.

Hoffnung auf Flucht

In der Tat weiß niemand hier, welche Zukunft die IS-Anhänger erwartet. Sie alle wollen weg. So viel ist klar. Am liebsten zurück in ihre Heimat. Auch der US-Gefangene meint: "Ich will einfach nur mein altes Leben zurück, alles hinter mir zurücklassen, ein einfaches Leben führen."

Seit die Türkei in Nordsyrien einmarschiert ist, keimt bei vielen Hoffnung auf Flucht. Die Kurden haben Personal abgezogen, die Gefangenen probten den Aufstand. Es habe Fluchtversuche und Ungehorsam gegeben, um Chaos zu stiften, sagt ein Aufseher. Mittlerweile sei die Lage wieder einigermaßen unter Kontrolle. "Aber der Druck auf uns ist massiv."

"Es war ein ganz normales Leben

12.000 IS-Kämpfer sind derzeit laut Sicherheitskreisen in insgesamt sieben kurdischen Gefängnissen untergebracht. Ein achtes wurde nach Beschuss durch türkeinahe Milizen aufgegeben. Etliche Kämpfer sind entkommen. Die anderen Anstalten sind intakt. Wie lange noch, weiß niemand. 84 Gefangene sollen einen deutschen Pass haben. 30 gelten als Gefährder. Ihnen Straftaten nachzuweisen allerdings, ist schwierig.

Khaled Mohammed hält sich für unschuldig. "Es war ein ganz normales Leben", sagt er. "Es war zunächst nicht so, dass Leute enthauptet wurden. Deswegen dachte ich mir, ich bleibe da." Reue, oder ein Schuldeingeständnis ist das nicht.

Kurdisches Gefängnis
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12.000 IS-Kämpfer sitzen in kurdischen Gefängnissen.

Rückkehr im Chaos?

Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Gefangenen in ihre Heimat zurückkehren können. Die Kurden wollen sie lieber heute als morgen loswerden. Am liebsten in einem geregelten Verfahren. Doch dazu sind die meisten Länder, auch Deutschland, bislang nicht bereit.

Die schlechtere Variante wäre es, wenn die Gefängnisse kollabieren, die IS-Anhänger fliehen könnten, sich irgendwie in ihre Heimatländer durchschlagen. Kein ganz unwahrscheinliches Szenario, wie die Aufseher hier glauben: "Man kann sagen, dass die Situation hier alles andere als beruhigend ist. Das seht ihr ja selbst."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. November 2019 um 12:00 Uhr.

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