Hintergrund

Eingang des GCHQ-Hauptquartiers in Cheltenham

Britischer Geheimdienst GCHQ Die Datensammler von der Insel

Stand: 29.08.2013 21:47 Uhr

Über den GCHQ ist wenig bekannt - der britische Geheimdienst arbeitet meist abgeschottet. Erst seit der NSA-Affäre ist sein Name bekannt, obwohl er schon im Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielte. Doch wie arbeiten die Datensammler von der Insel?

Von Jan Lukas Strozyk, NDR

Sanfte, saftig grüne Hügel gehen in raue Steilklippen über. Einige Meter tiefer schlägt der Atlantik Furchen in den Fels, oben auf den Hügeln grasen ein paar Schafe. Der Blick von der kleinen Anhöhe bei Stowe Woods entlang der Küste wäre ein tolles Postkartenmotiv - wenn nicht ein Dutzend gewaltiger Satellitenschüsseln den Horizont teilen würden.

Sie sind Teil der Abhöranlage, die der britische Geheimdienst Government Communications Headquarter (GCHQ) hier nach dem zweiten Weltkrieg auf einem ehemaligen Militärflughafen errichtet hat. Kameras wachen über das Niemandsland.

Hauptquartier des GCHQ in Cheltenham
galerie

Weit entfernt und schwer zu sehen - den GCHQ zieht nichts in die Öffentlichkeit. Entsprechend wenig ist über seine Arbeit bekannt.

Per Schleppnetz durchs Internet

Es dauert nicht lange, bis zwei uniformierte Polizisten auftauchen. Der GCHQ habe sie geschickt, um sicher zu stellen, dass niemand auf den Aufnahmen zu erkennen sei, die die Journalisten machen. Autokennzeichen dürften nicht fotografiert werden, Gesichter schon gar nicht. Penibel fragen die Beamten, was die Reporter ausgerechnet hier suchten und was sie bislang fotografiert hätten. "Viele von denen, die hier arbeiten, kommen von weit her. Oft wissen nicht einmal die Familien, dass sie hier arbeiten."

Obwohl alles an der "Optic Analysis Station" des GCHQ hier am südöstlichen Zipfel Englands an einen Agentenfilm aus Hollywood erinnert, arbeiten hinter dem doppelten Stacheldraht weder James Bond noch Sherlock Holmes. Die Jobs, über die selbst Partner und Kinder nichts wissen dürfen, sind die von Programmierern, Daten-Analysten und Kryptologen.

Sie überwachen von ihren Bildschirmen aus das Internet. Wenige Kilometer südlich von der Geheimdienst-Anlage landet das Unterseekabel TAT-14 an. Alle Daten, die über diese Kabel gehen, speichert der Geheimdienst für drei Tage; Metadaten, also wer mit wem kommuniziert hat, sogar für einen Monat. Eine Kopie des Internets, wie der gestaute Arm eines Flusses, in dem die Analysten nach Informationen fischen, wie mit einem Schleppnetz. Erst seit den jüngsten Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden ist klar, wie wichtig die Rolle des GCHQ beim Abhören des europäischen, vor allem des deutschen Internet-Verkehrs ist.

Guter Draht nach Deutschland

Bislang richtet sich der Zorn der Deutschen vor allem gegen die Amerikaner: Obamas Wahlslogan wird zu "Yes we Scan". Vor dem Gelände des amerikanischen Geheimdienstes NSA bei Darmstadt marschieren Demonstranten auf. Dabei sind es in Wahrheit die britischen Agenten, die durch ihre massenhaften Vorratsdatenspeicherungen die Privatsphäre der Deutschen angreifen.

Die Verbindung des GCHQ zu Deutschland ist so alt wie der Dienst selbst. Im Jahr 1919 wurde er, anfangs noch unter dem Namen "Government Code and Cypher School" gegründet, um Nachrichten der deutschen Reichswehr zu entschlüsseln. Im Zweiten Weltkrieg beauftragte der Dienst die besten Krypto-Mathematiker Großbritanniens damit, die Enigma-Kodierung der Nazis zu knacken. Es gelang schließlich, und erlaubte den Alliierten, einen großen Teil der deutschen Funksprüche mitzuhören.

Standbild von Edward Snowden aus einem Video-Interview mit dem "Guardian"
galerie

Standbild von Edward Snowden aus einem Video-Interview mit dem "Guardian"

Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammt auch die Kooperation mit den amerikanischen Geheimdiensten. Vor allem mit der National Security Agency (NSA) tauscht sich das GCHQ rege aus. Der britische "Guardian" hatte unter Berufung auf Snowden-Unterlagen aufgedeckt, dass das GCHQ in einem Programm namens "Tempora" riesige Datenmengen speichert, analysiert und die Ergebnisse mit der NSA teilt. Dafür haben die Amerikaner ihre britischen Kollegen nach Snowden-Informationen in den vergangenen Jahren mit über 100 Millionen Euro unterstützt.

"Tempora" - ein Spionagewerkzeug mit eingeschränkter Reichweite

So offen wie das GCHQ mit den privaten Daten der Bürger hantiert, so verschlossen ist der Dienst, wenn es um ihn geht. Anfragen zu den Aktivitäten perlen ab. Das GCHQ erklärte allein, man halte sich selbstverständlich an das Gesetz. Und als die deutsche Bundesregierung bei Premier David Cameron Auskunft darüber verlangt hat, was bei "Tempora" mit deutschen Daten passiere, blieb die Antwort schlicht aus. In einem internen Schreiben der britischen Botschaft an Innenminister Friedrich vom 24. Juni heißt es schlicht: "Wie Sie ja wissen, nehmen britische Regierungen grundsätzlich nicht öffentlich Stellung zu nachrichtendienstlichen Angelegenheiten." So ist bis heute nicht geklärt, wozu das Programm im Detail eigentlich genutzt wird.

Als der britische Außenminister David Miliband "Tempora" 2009 absegnete, waren nur Anfragen in fünf Kriterien legal: Bei Verdacht auf Terrorismus, Handel mit Waffen, in großen Betrugs- und Drogenfällen, bei Fragen zur militärischen Ausrichtung fremder Regierungen und deren politischen Absichten. Wirtschaftsspionage war ausdrücklich verboten. Das Programm war also explizit als Spionagewerkzeug gegen Terroristen und Kriminelle, aber auch gegen ausländische Regierungen konzipiert worden.

Hat Hague die Befugnisse ausgeweitet?

Neuere Unterlagen, die der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" ebenfalls einsehen konnten, sprechen hingegen von Großbritanniens "economic well-being", also dem wirtschaftlichen Wohlergehen des Landes, als Grundlage für eine Tempora-Analyse. Eine Sprachregelung, die nicht in allen Unterlagen zu finden ist. Nämlich nur in denen, die erstellt wurden, nachdem der konservative Politiker William Hague im Mai 2010 das Amt des Außenministers übernahm. Das legt den Verdacht nahe, dass William Hague die Befugnisse des GCHQ gezielt erweitert hat: ein Freibrief zur Wirtschaftsspionage.

Die Snowden-Unterlagen, aus denen diese Informationen hervorgehen, hatte auch der "Guardian" auf seinen Computern gespeichert. Bis im Juli zwei GCHQ-Sicherheitsexperten in der Redaktion auftauchten. Im Keller des Gebäudes musste Vize-Chefredakteur Philip Johnston die beiden Laptops zerstören, auf denen die Dokumente abgelegt waren. Erst als die Agenten sicher waren, dass die Festplatten nicht mehr funktionierten, gingen sie wieder.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. August 2013 um 08:00 Uhr.

Darstellung: