Palästinenser protestieren an der Grenze zum Gazastreifen | Bildquelle: AFP

Palästinenser in Gaza Das wuterfüllte Leben hinter dem Zaun

Stand: 10.12.2018 16:03 Uhr

Tränengas und Rauch, Schüsse und Steinschleudern, Verletzte und Tote: Der Freitagsprotest der Palästinenser an Israels Grenze ist ein Ritual der Hoffnungslosigkeit mit vielen Verlierern.

Von Martin Durm, SWR

Gaza, Ende 2018: Es war ein hartes, verlustreiches Jahr. Mehr als 200 Palästinenser wurden bei den Protesten an der Grenze zu Israel getötet, mehr als 20.000 verletzt. Trotz des hohen Blutzolls ist aus dem Freitagsprotest so etwas wie Routine geworden.

Seit zwölf Jahren ist die Hamas an der Macht. Zwölf Jahre, in denen sie ihre politischen Widersacher ausgeschaltet und das gesellschaftliche Leben durch und durch islamisiert hat. Die Machtentfaltung der Islamisten beruht auf dem bewaffneten Kampf und der Pflege des Opferkults.

In Gaza dominieren zwei Farbtöne: Das Schwarzgrau der verschleierten Frauen und das Blutrot der Shuhada. Die eingefärbten Portraits der Märtyrer kleben wie Tapeten an den Mauern von Gaza. Sie sollen der Jugend als Vorbilder dienen.

Kolonnen von Hamas-Bussen und Krankenwagen

Palästinenser laufen durch Rauchschwaden | Bildquelle: dpa
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Rauchschwaden, Tränengas, Steinschleudern und Schüsse - jeden Freitag dasselbe Bild.

Es ist wieder einer dieser Freitage: Nach dem Mittagsgebet fahren wie üblich kolonnenweise Hamas-Busse am Haus der Abu Sittas vorbei Richtung Grenzzaun. Hinter ihnen Jugendliche auf Mopeds, mit Steinschleudern und palästinensischen Fahnen. Zuletzt folgen die Krankenwagen, auch in Kolonne. 

Die ersten schwarzen Rauchwolken steigen auf und werden vom Wind Richtung Süden geweht, dorthin, wo Israel ist. Das Haus der Abu Sittas ist einen Kilometer von der Grenze entfernt. 15 Uhr, gleich müsste es los gehen. 

Granatsplitter im Garten

Amr und seine Mutter Aida hassen diese Freitage. "Wir leben hier gefährlich", sagt sie. "Ständig gehen die Fenster kaputt. Ich traue mich kaum noch aus dem Haus. Sieh Dir das an! Überall liegen Granatsplitter im Garten rum."

Ihr Sohn kommt vor die Tür. Amr, groß gewachsen, Mitte 20. Er erzählt, wie die Granate über die Köpfe der Familie hinwegflog, als er mit den Kindern draußen war. "Unser Haus liegt etwas erhöht, das ist ein strategischer Punkt. Vom Dach aus kannst Du die ganze Gegend übersehen."

Ein Treppenflur, zwei Stockwerke und der Geruch von feuchtem Beton. Dann steht man mit einem Mal in der Sonne, auf einer Dachterrasse, die einen Rundblick auf einen der ältesten, blutigsten Konflikte der Gegenwart bietet. Amr zeigt auf das weiße Gebäude gegenüber.

Ein junger Mann sitzt in Sichtweit der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel auf einem Sandwall.
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Woche für Woche kehren die jungen Palästinser für die Proteste zurück an die Grenze - allen Opfern zum Trotz.

In Reichweite der israelischen Scharfschützen

"Da sind die israelischen Scharfschützen drin. Wir sind in ihrer Reichweite." Er ist aber sicher, dass die Israelis nicht auf sie schießen werden. "Sie wissen genau, was sie tun, wen sie ins Visier nehmen. Die wissen alles. Und wenn sie's mal nicht wissen, haben sie ihre Drohnen."

Der Rauch wird jetzt dichter und wabert über planiertes Gelände. Junge Männer rennen gruppenweise nach vorn, als gäbe es irgendwo eine Lücke im Zaun. Schüsse fallen. Einer stürzt, die anderen machen kehrt und laufen zurück hinter einen aufgeschütteten Erdwall. Die Jugendlichen und Kinder kommen aus den nahe gelegenen Flüchtlingslagern: aus Burej, El Nuserat, El Magazi.

"Die Jungs tun mir leid", sagt Amr. "Sie verschwenden ihr Leben und ihre Zeit. Sie werden dazu gedrängt, das zu tun. Es tut mir leid um die, die ihre Beine verlieren, die zu Krüppeln geschossen werden. Danach können sie gar nicht fassen, dass sie da mitgemacht haben. Keiner kümmert sich um sie, auch nicht die Hamas."

Irrewerden in der Hoffnungslosigkeit

16 Uhr, am Grenzzaun. Die Proteste erreichen jetzt ihren Höhepunkt. "Gas", sagt der palästinensische Fahrer, "kannst Du's riechen?" Durch die geschlossenen Autofenster sind dumpfe Explosionen zu hören. Es ist, als zögen Nebelschwaden aus dem Sperrgebiet auf. Schüsse, Krankenwagen, Lautsprechergebrüll. Was hier am Grenzzaun in wöchentlicher Routine zwischen Palästinensern und Israelis geschieht, ist aufschlussreicher als jede Nahostkonferenz. Es ist mehr als Protest. Es ist ein Irrewerden angesichts einer hoffnungslosen politischen Lage.

Zum Sonnenuntergang fahren kolonnenweise Krankenwagen durch Gaza-Stadt, um vor dem Schifaa-Hospital Verwundete abzuliefern. "Die meisten Verletzungen haben wir in den unteren Gliedmaßen", sagt der Arzt Adnan Ahmad al Bursh. "Wir haben ständig Verwundungen im Bereich der Beine und Kniegelenke. Bislang haben wir 99 Amputationen vornehmen müssen. Die Spezialmunition der Scharfschützen hat eine enorme Wirkung."

Junge Männer mit Beinverletzungen warten vor einem Krankenhaus in Gaza-Stadt auf ihre Behandlung | Bildquelle: AP
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Vor allem Beinverletzungen müssen die Ärzte bei den jungen Männern behandeln.

"Die Jugend gibt immer alles, was sie geben kann"

Das alles könne die jungen Kämpfer nicht schrecken, meint Ahmed Ayad Mohsein, der stellvertretende Jugendminister in Gaza. "Unsere palästinensische Jugend ist immer dann, wenn sie gebraucht wird, ein entscheidender Initiator im Kampf gegen unsere israelischen Feinde", sagt er. "Die Jugend gibt immer alles, was sie geben kann."

Der Minister lächelt entrückt, wie ein Mann, der sich im Besitz unumstößlicher Wahrheiten weiß. "Wenn die jungen Männer freitags zu den Grenzzäunen gehen und auf der anderen Seite die geraubte Heimat sehen, dann entflammt ihre Liebe zu Palästina immer wieder aufs Neue", sagt er.

Ein junger Palästinenser mit amputiertem Bein ist mit Freunden auf den Weg zu Protesten an der Grenze | Bildquelle: MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX/Shutt
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Obwohl sich auch die Hamas nicht um die zu Krüppel geschossenen jungen Palästinenser kümmert, riskieren viele Woche für Woche ihre Leben bei den Protesten.

Die Zweistaatenlösung ist tot, die Hoffnung auf palästinensische Selbstbestimmung zerstoben. Die USA haben sich unter US-Präsident Donald Trump bedingungslos auf Israels Seite gestellt. Und die Kriege in Syrien, Libyen, Jemen haben den Palästinakonflikt von der weltpolitischen Prioritätenliste verdrängt. Das ist die nahöstliche Realität. Bei denen, die da vorne im Sperrgebiet ihren Hals riskieren, gerinnt sie zu ohnmächtiger Wut und dem Gefühl, nichts mehr verlieren zu können.   

"Ich bin Palästinenser"

Aus der Sperrzone kommen ein paar Jugendliche mit tränennassen Gesichtern zurück. Sie kommen aus Magazi, dem Flüchtlingslager gleich hinter dem Hügel. Einer von ihnen bleibt stehen. Er sagt, er heiße Saleh und sei gerade ganz vorne gewesen. Nein, er habe keine Angst. "Nicht mal vor dem Tod. Die Israelis können mir von mir aus in die Beine schießen, das macht mir nichts aus. Ich bin Palästinenser, verstehst Du, Palästinenser."

Die anderen stehen da, wischen sich wie Kinder mit den Handrücken über die verquollenen Augen und nicken. Sie sind glimpflich davon gekommen an diesem Tag. Es hat nur Verletzte gegeben. Keine Toten.

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 11. Dezember 2018 um 08:30 Uhr.

Korrespondent

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