Ein maskierter Protestant mit der palästinensischen Flagge über der Schulter. | Bildquelle: MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX/Shutt

Verhandlungen für Gaza Hauptsache kein neuer Krieg

Stand: 06.11.2018 10:43 Uhr

Mehrfach hatten Israel und die Hamas eine Waffenruhe versprochen - jedes Mal flammte die Gewalt im Gazastreifen neu auf. Derzeit wird wieder verhandelt. Gelingt nun eine stabile Einigung?

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Abdallah el Zatari sitzt vor seinem Haus im Zentrum des Gazastreifens. Der Blick des Mannes ist leer. Er gibt mir die Hand und wirkt doch ganz weit weg. Abdallah schaut auf das kleine Feld auf der anderen Straßenseite und dann berichtet er, was vor gut einer Woche geschah. Er erzählt von seinem Sohn.

"Mohammed hat an dem Tag erst mit mir auf dem Feld gearbeitet. Wir haben Okraschoten gepflückt. Dann kamen seine Freunde und sie sind mit dem Moped in Richtung Grenze gefahren. Sie wollten Netze aufstellen, um Vögel zu fangen. Später kamen dann Leute zu mir und sagten, drei Jungen seien von einer Drohne beschossen worden und gestorben. So habe ich davon erfahren."

Mohammed wurde nur 14 Jahre alt. Er starb in der Nähe des Grenzzauns zu Israel, nur rund achthundert Meter von seinem Zuhause entfernt. Die beiden Freunde, die ebenfalls durch den Beschuss einer israelischen Drohne getötet wurden, waren fast genauso alt wie Mohammed. Die israelische Armee gab an, die Jungen hätten sich dem Grenzzaun genähert und möglicherweise versucht, einen Sprengsatz zu legen.

Abdallah zeigt ein Fotos seines getöteten Sohnes. | Bildquelle: ARD-Studio Tel Aviv
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Abdallah zeigt ein Fotos seines getöteten Sohnes.

Gefechte, Raketen, Luftangriffe

Mohammeds Vater Abdallah hält das für Unsinn. In den vergangenen Monaten wurden mehr als 200 Palästinenser durch die israelische Armee getötet. Die meisten von ihnen starben durch Kugeln von Scharfschützen - im Rahmen der Massenproteste an der Grenze, bei denen immer wieder versucht wurde, den Zaun zu stürmen. Ein israelischer Soldat wurde von Palästinensern erschossen. Militante Palästinensergruppen feuerten mehrmals ganze Salven von Raketen auf Israel.

Die palästinensische Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, und Israel standen mehrfach am Rande eines neuen Krieges, fasst Matthias Schmale zusammen. Der Deutsche leitet das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen im Gazastreifen (UNWRA).

"Im Moment geht es wirklich darum, Krieg zu verhindern, einen weiteren Krieg zu verhindern. Wir sind in den letzten zwei Monaten vier- bis fünfmal sehr, sehr nah dran gewesen - und im Moment sieht es so aus, als ob tatsächlich keiner ein Interesse daran hat, wieder Krieg zu führen. Auf der israelischen Seite nicht und auch hier nicht. Das ist schon mal ein gutes Zeichen."

Gelingt ein dauerhafter Waffenstillstand?

Israel und die Hamas stehen offenbar kurz vor einem Abkommen über einen Waffenstillstand, vermittelt durch Ägypten. Israelische und arabische Medien berichteten bereits über mögliche Vertragsinhalte. Im Gegenzug für einen Stopp der von der Hamas organisierten Massenproteste und einem Ende der Gewalt an der Grenze soll die Abriegelung des Gazastreifens durch Israel und Ägypten gelockert werden. Außerdem soll der Aufbau der Infrastruktur für die zwei Millionen Einwohner vorangetrieben werden.

Wirtschaft am Boden

Die Innenstadt von Gaza: Der 24 Jahre alte Jamal verkauft an einem kleinen Stand Kaffee, Tee und Zigaretten. Das Geschäft läuft schleppend. Die Wirtschaft des Gazastreifens liegt am Boden und die Grenzen sind zu. "Leider", sagt Jamal: "Unter diesen Bedingungen, will jeder hier raus. Ich würde auch gehen, wenn ich könnte. Aber wenn die Lage besser wird, werden es sich viele anders überlegen." Jamal glaubt, dass es diesmal klappt mit einem dauerhaften Abkommen zwischen Israel und der Hamas, das die Lebensbedingungen verbessern könnte.

UNRWA-Direktor Schmale glaubt auch daran - und verweist darauf, dass die Stromversorgung bereits besser geworden ist. Statt vier Stunden täglich fließt der Strom nun acht bis zehn Stunden im Durchschnitt. Strom- und Trinkwasserversorgung müssten nach einem Abkommen als erstes verbessert werden. Danach gehe es um die Wirtschaft. "Bei über 50 Prozent Arbeitslosigkeit - bei jungen Menschen und Frauen sogar noch höher - muss sich was tun. Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden", sagt Schmale. Das würde jedoch nicht reichen, um längerfristig Ruhe in den Gazastreifen zu bringen. Dafür müsse ein politischer Prozess in Gang kommen.

Bisher wurde eine Einigung zwischen den rivalisierenden Palästinensergruppen Hamas und Fatah zur Voraussetzung für ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas gemacht. Doch weil sich Hamas und Fatah nicht einigten, ging nichts voran. Nun haben die Vermittler der UN und aus Ägypten offenbar einen anderen Weg vorgeschlagen und so könnte zumindest eine stabile Waffenruhe gelingen. Noch aber laufen die Verhandlungen.

Gaza vor einem Abkommen zwischen Israel und Hamas?
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
06.11.2018 09:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. November 2018 um 05:21 Uhr.

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