Die Ruine des Flughafens in Gaza

Zerstörter Flughafen in Gaza Kein Tor zur Welt

Stand: 12.02.2019 20:21 Uhr

Der Flughafen von Gaza war zur Eröffnung 1998 ein Prestige-Projekt. In Betrieb war er nur eineinhalb Jahre, heute ist er eine Ruine. Die Palästinenser hoffen, dass es irgendwann einen neuen Airport gibt.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Die Stimmung auf dem Flughafen von Gaza ist gespenstisch. Flugzeuge stehen hier schon lange nicht mehr. Vor dem ehemaligen VIP-Terminal laufen Hunde durch den Müll. In der Kuppel des Terminals, die an den Felsendom in Jerusalem erinnert, prangt ein großes Loch.

Der palästinensische Luftfahrtingenieur Imad al Hamms kämpft mit den Tränen. Er war einst für die Funk- und Radaranlagen des Flughafens zuständig. "Ich konnte mir das damals nicht vorstellen, dass unserer Traum zerstört werden würde", sagt er. "Das macht mich sehr traurig. 500 Menschen haben hier gearbeitet. Ingenieure, Techniker, Piloten."

Imad al Hamms, Luftfahrtingenieur der palästinensischen Luftfahrtagentur.
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Imad al Hamms, Luftfahrtingenieur der palästinensischen Luftfahrtagentur: "500 Menschen haben hier gearbeitet. Ingenieure, Techniker, Piloten."

Vom Terminal nur noch ein Gerippe übrig

Al Hamms arbeitet noch immer für die zivile Luftfahrtagentur der palästinensischen Autonomiebehörde. Sein Büro verwaltet einen Flughafen, den es seit fast 20 Jahren gar nicht mehr gibt. Vom großen Terminal ist nur noch ein Gerippe übrig. Der Asphalt vom früheren Vorfeld und der Landebahn fehlt vollständig. Er wurde abgetragen, denn genauso wie Steine und Beton ist der Bodenbelag im Gazastreifen ein äußerst knappes Gut.

Der Ingenieur wirkt wie ein Häufchen Elend. Aber als er die Zielflughäfen aufzählt, die man damals von Gaza aus erreichen konnte, leuchten seine Augen. "Kairo, Amman, Algerien, Dubai, Dschidda, Moskau. Und nach Larnaca. Istanbul. So viele Ziele", sagt al Hamms.

Bill Clinton kam zur Eröffnung

Am 24. November 1998 war der Flughafen bei Rafah im Süden des Gazastreifens eröffnet worden. Palästinenserführer Yassir Arafat war gekommen. Der Präsident der Autonomiebehörde, so erzählen Palästinenser heute, hatte die Baumaßnahmen höchstpersönlich überwacht. Auch US-Präsident Bill Clinton war zur Eröffnung des neuen Airports gekommen.

Es war längst nicht alles gut im Nahen Osten in jener Zeit. Der Oslo-Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern war ins Stocken geraten. Und dennoch verbanden die Palästinenser große Hoffnungen mit dem neuen Flughafen. "Wir waren so glücklich", sagt al Hamms. "Ich hatte das Gefühl, dass der Staat Palästina an jenem Tag geboren wurde."

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Die Ruine des Flughafens in Gaza. Palästinenserführer Arafat soll die Baumaßnahmen persönlich überwacht haben.

Nur anderthalb Jahre lang in Betrieb

Doch der Flughafen war nur anderthalb Jahre lang in Betrieb. Kurz nach der Eröffnung begann die zweite Intifada, die die Palästinenser mit der israelischen Besatzung des Gazastreifens und des Westjordanlandes rechtfertigten. Radikale Palästinenser verübten Terroranschläge. Bei einem Anschlag durch Palästinenser wurden vier israelische Soldaten getötet.

Israel wollte nach diesem Anschlag ein Zeichen setzen und begann mit der Zerstörung des Prestigeprojektes. Die israelische Luftwaffe bombardierte die Radarstation und den Kontrollturm. Später pflügte die Armee große Löcher in die Start- und Landebahn. Spätestens da war es für Flugzeuge unmöglich, im Gazastreifen zu landen.

Drei Tage bis nach Mekka

Der Gazastreifen wird von Israel und Ägypten seit mehr als zehn Jahren weitgehend abgeriegelt - seitdem die radikal-islamische Hamas die Kontrolle übernommen hatte. Israel gestattet nur einer Minderheit der Palästinenser die Ausreise. Und wer das schafft, darf in der Regel nicht vom Flughafen Tel Aviv aus in die Welt fliegen.

Wenn die Menschen von Gaza ins Ausland wollen, müssen sie zum Flughafen in Amman oder in Kairo reisen. So geht es auch Jebril Eltelbany. Er lebt im Gazastreifen und ist der stellvertretende Verkehrsminister der palästinensischen Autonomiebehörde. "Niemand auf der Welt leidet so sehr unter einer eingeschränkten Reisefreiheit wie die Menschen in Gaza. Früher, als wir noch den Flughafen hatten, brauchte ich für einen Flug nach Mekka eine Stunde und 45 Minuten. Heute brauche ich fast drei Tage."

Der Minister würde gerne so bald wie möglich einen neuen Flughafen im Gazastreifen bauen lassen. "Praktisch jede Stadt in Europa mit 500.000 Einwohnern hat einen Flughafen. Im Gazastreifen leben zwei Millionen Menschen. Und wir haben keinen. Die Bewegungsfreiheit - das ist doch Teil der Menschenrechte."

Katar versucht zu vermitteln

Israel lehnt es ab, einen neuen Flughafen im Gazastreifen zu bauen. Das Land stuft die Hamas als Terrororganisation ein. Aus Sicht der Israelis wäre ein Flughafen in Gaza ein gewaltiges Sicherheitsproblem.

Katar will nun vermitteln. Die Idee lautet, dass vom neuen Flughafen in Gaza ausschließlich Flüge nach Katar gehen. Der Golfstaat würde sich um die Sicherheit kümmern.

Israels Regierung kommentiert diesen Vorschlag nicht. Laut Medienberichten ist man aber nicht gerade begeistert. Auch die Palästinenser lehnen jeden Plan ab, wenn sie nicht die volle Souveränität über den Airport bekommen. Der erbitterte Machtkampf zwischen der Fatah-Bewegung, die die Autonomiebehörde dominiert, und der Hamas, die in Gaza das Sagen hat, macht es noch unwahrscheinlicher, dass der Gazastreifen in den kommenden Jahren einen neuen Flughafen bekommt.

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Eselskarren mit Betonstücken dort, wo früher moderne Jets parkten. Der einst stolze Flughafen ist zur Resterampe geworden.

Immer wieder neue Pläne

Ingenieur al Hamms erstellt seit Jahren immer wieder neue Pläne für den Bau eines neuen Airports - auch wenn die nie umgesetzt werden. "Wir Palästinenser arbeiten hart. Wenn wir eine Genehmigung kriegen, werden Sie einen schönen, modernen Airport sehen. Dann wird sich dieser Ort verändern."

Die humanitäre Lage im Gazastreifen hat sich in den letzten Jahren weiter verschlechtert. Dort, wo einst moderne Jets parkten, fährt ein Junge mit einem Eselskarren. Er sucht nach den letzten verbliebenen Betonstücken auf dem Vorfeld und hackt sie klein. Der einst so stolze Flughafen ist zur Resterampe im armen Gazastreifen geworden. Wo würde dieser Junge gerne hinfliegen, wenn er könnte? "Das ist mir egal", sagt er. "Hauptsache raus aus dem Gazastreifen."

Gaza sehnt sich nach einem neuen Flughafen
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
11.02.2019 20:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Februar 2019 um 13:39 Uhr.

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