Tel Aviv schmückt sich in Regenbogenfarben Schwulenfreundlichkeit als Feigenblatt?

Stand: 08.06.2012 10:32 Uhr

Tel Aviv erstrahlt eine ganze Woche lang in Regenbogenfarben: In der "Pride Week" feiern Homosexuelle und ihre Freunde, mit voller Unterstützung der israelischen Politik. Das trifft aber auch auf Skepsis: Kritiker werfen der Regierung vor, die Schwulen zu instrumentalisieren.

Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Küsse auf der Eröffnungsparty der Israel Pride Woche in Tel Aviv.
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Weltoffen und körperbetont: Eröffnungsparty der Israel Pride Woche in Tel Aviv.

Club-Vibes kriechen über den gelben Sandstrand vor dem Hilton-Hotel. Es ist "Pride Week" in Tel Aviv für Schwule, Lesben, deren Freunde, Besucher und Touristen. Die ganze Stadt ist in Regenbogenfarben geschmückt - auch der Strand. Auf einem Plastikstuhl sitzt zurückgelehnt Adir Steiner, einer der Organisatoren.

Zu Beginn, 1998, war es noch schwer. Heute ist Steiner bei der Stadt angestellt und hat kaum noch Mühe, Unterstützung zu finden: "Ich habe mich dieses Mal in eine Ecke gesetzt und musste nichts sagen: Jeder berichtete über seine Vorbereitungen für die Events. Fertig. Das ist das Ergebnis von 14 Jahren Arbeit: Eine Menge Leute bei der Stadt haben ihre Einstellung verändert."

Tel Aviv bestes Reiseziel für Schwule

Die Stadt hat seit Jahren Erfolg mit der Veränderung: Eine US-Airline hat Tel Aviv jüngst zum besten Reiseziel für Schwule gekürt. Die Stadt gilt bei Besuchern als weltoffen, modern und stark körperbetont. Ein Miami am Mittelmeer, das auf das gesamte Land abfärben soll.

"Entscheidungsträger müssen überlegen, wie sie Geld in die Stadt bringen. Aber nicht nur Geld. Samantha von Sex and the City sagt: Zurerst entdecken Schwule einen neuen Ort, dann folgt der Rest. Das sieht man weltweit, wo Tourismus, Mode oder Trends entstehen. Schwule sind ein guter Anfang für einen Wandel", sagt Steiner.

Ein Wandel, der auf das gesamte Land abfärben soll - und Israels Politiker sind stolz darauf. "In einer Region, in der Frauen gesteinigt, Schwule aufgehängt und Christen verfolgt werden, sticht Israel heraus. Israel ist anders", sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen Jahr vor dem US-Kongress.

Starke Schwulenrechte gleich starke Menschenrechte?

Die Formel der Politik lautet: Ein Land, das die Rechte von Lesben und Schwulen achtet, ist auch sonst besorgt um die Menschenrechte. Der Juraprofessor Aeyal Gross dagegen glaubt, die israelische Regierung habe in der zunehmend heftigen Debatte um die Besatzung der Palästinenser ein Feigenblatt gefunden: "Heute denken viele Leute, Israel verletzt die Menschenrechte." Aber der Staat wolle das nicht so stehen lassen. "Also hat man dieses eine Thema entdeckt, die Rechte von Schwulen und Lesben, bei dem wir ganz gut sind. Jetzt sagt man: Schaut wie großartig wir sind. So, dass die Menschen Israel als Demokratie anerkennen, als ein Land, das die Menschenrechte achtet - und sagen: So schlecht ist der Staat gar nicht."

Ein Konsens, auf den sich auch rechte Politiker in Israel einlassen. Gross sagt, ein Schlüsselereignis sei die Demonstration von hunderttausend Menschen nach dem Amoklauf in einem schwul-lesbischen Zentrum in Tel Aviv gewesen. Die Tat vor drei Jahren wurde nicht aufgeklärt, aber die Politik erkannte die Stimmung. "Der Minister für Bildung, Sa’ar, sagte, in einer freiheitlichen Gesellschaft ist kein Platz für Homophobie", erläutert Gross. "Man fragt sich, wovon redet er: Wie passt seine Unterstützung für die Besatzung der Palästinenser zu einer freiheitlichen Gesellschaft? Aber diese Demonstration festigte einen Deal zwischen den schwulen Mainstream-Organisationen und der Regierung: Okay, die Regierung umarmt euch, aber irgendwie müsst ihr sie auch umarmen, richtig?"

Die Regenbogenfahne - Symbol der Homosexuellenszene
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Die Regenbogenfahne als Symbol der Homosexuellen: Ganz Tel Aviv erstrahlt zurzeit in bunten Farben.

Netanjahu außer sich wegen "Pinkwashing"-Vorwurf

Kritik an der Besatzung der Palästinenser, an der Benachteiligung israelischer Araber und jüngst auch von Frauen sei schwer, wenn die Gruppen dringend notwendige Unterstützung nicht verlieren wollen, schlussfolgert Gross. Als ein Kommentar der New York Times im vergangenen Jahren vom "Pinkwashing" in Israel sprach, war Netanjahu wohl außer sich. Er soll sich später geweigert haben, einen Gastkommentar für die Zeitung zu schreiben.

Auch dem Organisator Steiner ist der Streit wohl bekannt: "Ich verfolge das nicht nur, ich werde als Kopf des 'Pinkwashings' beschuldigt. Weil ich auch viel mit dem Außenministerium zusammenarbeite. Aber das stimmt nicht. Ich zeige ein reales Bild. Ich zeige, dass Tel Aviv offen und schwulenfreundlich ist. Ich versuche ja nicht, den Rest der komplexen Realität zu verstecken." 

Nach der "Pride-Week" macht sich Steiner auf nach Berlin. Er werde gemeinsam mit Künstlern in der Hauptstadt auftreten. Um den Spirit von Tel Aviv nach Deutschland zu bringen. Mit finanzieller Unterstützung der israelischen Regierung.

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