Das türkische Forschungsschiff Oruc Reis | Bildquelle: AFP

Türkei im Gasstreit Der alte Traum von der "Blauen Heimat"

Stand: 13.10.2020 14:16 Uhr

Beim Streit im Mittelmeer geht es nicht nur um Erdgas, sondern auch um geopolitische Interessen. Dabei rückt ein 14 Jahre alter Plan in den Vordergrund, der die Türkei zur Seemacht machen soll.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Cem Gürdeniz sitzt in einem Istanbuler Ausflugslokal hoch über dem Bosporus. Von hier oben sieht es aus, als würden sich die riesigen Handelsschiffe aus aller Welt in Zeitlupe ihren Weg durch die weltberühmte Meerenge bahnen.

"Die türkische Regierung wird nicht zurückstecken"

Der ehemalige türkische Admiral interessiert sich wenig für den Ausblick. Für ihn ist das Geschehen auf dem Wasser wegen möglicher EU-Sanktionen von Bedeutung. "Ich bin mir sicher, die türkische Regierung wird nicht zurückstecken", sagt Gürdeniz. Er erwarte zwar EU-Sanktionen, aber das habe keinen Einfluss auf den Gesamtkurs der Türkei, glaubt er.

"Natürlich wird die Türkei nach dem Prinzip handeln: Wie Du mir, so ich Dir. Zum Beispiel, wenn sie türkischen Handelsschiffen nicht mehr erlauben, europäische Häfen anzulaufen, dann bin ich mir sicher, wird die Türkei entsprechend reagieren, was die Nutzung von türkischen Meerengen angeht, vor allem durch griechische und zyprische Tanker."

Frachtschiff im Bosporus, in der Straße von Istanbul, Türkei. | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
galerie

Wegen des Gasstreits rechnet die Türkei mit EU-Sanktionen. Dann könnten türkische Frachtschiffe möglicherweise nicht mehr in europäische Häfen einlaufen.

Anspruch auf griechische Seegebiete

Gürdeniz ist der Vater von "Mavi Vatan", der "Blauen Heimat", wie er seinen Plan schon vor 14 Jahren genannt hat. Sein Ziel: Die Türkei soll Seemacht werden. Damals interessierte sich keiner dafür - heute umso mehr.

Er hat Karten mitgebracht, die zeigen, welche Seegebiete die Türkei beansprucht. Sie ragen weit in die hinein, die Griechenland für sich reklamiert. "Es geht hier um reine Verteidigung gegen den Druck der EU und der Vereinigten Staaten auf die Türkei, sie sozusagen in Anatolien einzusperren", sagt Gürdeniz. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht immer wieder davon, dass sein Land in der Bucht von Antalya eingesperrt wird.

Tatsächlich: Wenn man das Seerechtsabkommen von 1982 so wie Griechenland auslegt, steht der Türkei nur ein verhältnismäßig schmaler Streifen an ausschließlicher Wirtschaftszone zu, in der sie Bodenschätze wie Erdgas ausbeuten darf. Denn auch Inseln können solche ausschließlichen Wirtschaftszonen von 200 Seemeilen (knapp 400 Kilometer) beanspruchen - aber nur, wenn sich diese Zone nicht mit der eines anderen Landes überschneidet.

Merkel soll vermitteln

Sich einfach in der Mitte zu treffen, reiche nicht unbedingt aus, sagt Nele Matz-Lück. Sie ist Seerechtsexpertin und lehrt an der Universität Kiel. Eine faire Lösung könnte anders aussehen: Sie könnte mit der Mittellinie beginnen, dann aber Faktoren berücksichtigen, die davon abweichen.

"Das können schon bestehende Öl- oder Gasausbeutungen sein, aber auch die Länge der Küstenline oder die Frage, ob kleine Inseln des anderen Staates einen verzerrenden Effekt haben - und schlussendlich auch eine grundsätzlich betrachtete Verhältnismäßigkeit."

Lück sieht hier einen guten Punkt für die Türkei. Gürdeniz, der ehemalige Admiral, kann sich Angela Merkel sehr gut als Vermittlerin in dem Konflikt vorstellen. Sei sei nüchtern, klar, aufgeschlossen, objektiv und rational, sagt er. "Und ich bin sicher, sie kann Griechenland auch das Kastelorizo-Thema erklären und ihnen den ganzen Seerechtskomplex rund um die Inselketten beibringen." Die Türkei müsse man nicht überzeugen, aber Griechenland. "Das sollte endlich seine Fantasiewelt verlassen."

Geostrategische Erwägungen - und Innenpolitik

Da klingt schon durch, was auch die Seerechtsexpertin ahnt. Es geht beim Mittelmeerstreit nicht nur um Erdgas, sagt Lück: "Es geht auch um geostrategische Erwägungen, um eine Machtpolitik."

Für Erdogan gibt es noch einen entscheidenden innenpolitischen Effekt: Die sonst so gespaltene Türkei steht fast geschlossen hinter ihm. Allein deshalb wird er das Thema wohl noch eine Weile weiter am Köcheln halten.

Gürdeniz nennt sich selbst Kemalist. Es stört ihn aber auch nicht, dass Erdogan sich seines Plans bedient. Für ihn zählt vor allem eines: "Für jede Nation kommt mal ihre Zeit. Und ich denke, jetzt ist die Zeit der Türkei gekommen, eine Seemacht zu werden."

Gasstreit im Mittelmeer - es geht um mehr
Karin Senz, ARD Istanbul
13.10.2020 13:29 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 13. Oktober 2020 um 15:20 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: