Pestizide werden auf einem Feld versprüht. | Bildquelle: AFP

G20-Agrargipfel Die dunkle Seite der Soja-Bohne

Stand: 27.07.2018 11:23 Uhr

In Buenos Aires wollen die Agrarminister der G20-Staaten über nachhaltige Landwirtschaft diskutieren. Dabei ist der Gastgeber eines der Länder, in denen Glyphosat am rücksichtslosesten eingesetzt wird.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Südamerika

Am Plaza Italia, da wo Buenos Aires am schönsten ist, befindet sich "La Rural", die Agrarmesse Argentiniens. Sie öffnet zeitgleich zum Treffen der G20-Agrarminister, die noch bis Samstag am Rio de la Plata die Zukunft der globalen Landwirtschaft abstecken wollen, ihre Tore. Geplant ist ein Gang von Ministerin Julia Klöckner mit ihren Kollegen über die Messe, Gespräche mit den größten Konzernen der Branche und ein offizielles Gipfelfoto. So weit, so normal.

Soja-Monokulturen bis zum Horizont

Gastgeber Argentinien hat als Leitthema die "Bedeutung gesunder Böden für eine nachhaltige Landwirtschaft" ausgerufen. Für viele Argentinier klingt dies wie Hohn. Schließlich hat ihr Staat bislang eher das Gegenteil gefördert. In Provinzen wie Córdoba und Entre Rios, den Kornkammern Argentiniens, wachsen bis zum Horizont genmanipulierte Sojamonokulturen für den Export nach Europa und China.

Die Bohne hat eine zentrale Bedeutung für die Staatsfinanzen und die Wirtschaft des Landes, das heute 400 Millionen Menschen weltweit ernährt - das Zehnfache der eigenen Bevölkerung. Tendenz steigend - aufgrund der langfristigen Sojanachfrage weltweit. Die Sojaexporteure sind dementsprechend mächtig und einflussreich. Argentinien erwartet für Anfang 2019 eine Rekordernte.

Sojafeld nahe Gualeguaychu in der Provinz Entre Rios | Bildquelle: AFP
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Sojabohnen aus Südamerika werden in China und Europa vor allem für die Tierfutterproduktion verwendet.

Pestizideinsatz mit fatalen Folgen

Mariela Leiva weiß, zu welchem Preis der Sojaanbau geschieht. Seit Ende der 1990er-Jahre, seit Glyphosat von Monsanto in Argentinien zugelassen ist, wird das Pestizid in Marielas Heimat Basavilbaso massiv aus der Luft gesprüht. Dadurch wird der Sojaanbau für die Großagrarier zum profitträchtigen Geschäft. Das Pestizid tötet bis auf die Sojapflanze alles ab und sickert über die Böden ins Grundwasser.

Untersuchungen haben ergeben, dass die Flüsse in Entre Rios deutlich erhöhte Pestizidwerte aufweisen. Mariela leitet eine Gruppe von Anwohnern, die gegen diese Praxis und gegen Bayer-Monsanto kämpfen. Denn die Folgen für die Anwohner seien fatal, sagt sie.

In Orten wie Basavilbaso und Chabás, die von Sojafeldern umgeben sind, haben Ärzte und Bürgermeister eine deutliche Zunahme von Krankheiten festgestellt. Lucas Lesgart, der Bürgermeister von Chabás, hat in dem Ort drei Fälle von amyotropher Lateralsklerose festgestellt, einer nicht heilbaren degenerativen Erkrankung des Nervensystems.

Weltweit kommen durchschnittlich drei Fälle auf 100.000 Einwohner. Chabás hat jedoch nur 8.000 Einwohner. Inzwischen wurden die Krankheitsbilder von Chabás durch eine Gruppe von Medizinstudenten genau dokumentiert. Anders als anderswo treten in Chabás am häufigsten Krebs-, Herz- und Schilddrüsenleiden auf. Vor allem an den Rändern des Dorfes, wo die Sojaplantagen beginnen und der Wind die Pestizide über die Häuser weht.

Druck von Politik und Agrarlobby

Geleitet hat die Feldforschung der Arzt Damián Verzenassis. Der Professor der medizinischen Fakultät in Rosario hat in acht Jahren die Daten von mehr als 100.000 Menschen gesammelt, von denen die meisten nahe an Feldern wohnen, die mit Glyphosat behandelt werden.

Die Ergebnisse sind alarmierend: Schilddrüsenkrankheiten, Hautkrankheiten und neuralgische Probleme kommen häufiger vor als im argentinischen Durchschnitt. Die Zahl der Fehlgeburten und Missbildungen sind Ende der 1990er-Jahre mit der Einführung von Glyphosat sprunghaft angestiegen.

Weil Verzenassis letztendlich nicht beweisen kann, dass Glyphosat tatsächlich die Ursache ist, wird er von der Agrarlobby angefeindet. Die Politik setze ihn immer mehr unter Druck, und seine Fakultätsleitung ignoriere ihn, berichtet er. Doch für ihn sind die Ergebnisse kein Zufall. Deshalb schaut Verzenassis auch mit Sorge auf die Zukunft.

Leere Agrarchemie-Behälter liegen an einer Straße bei Gualeguaychu | Bildquelle: AFP
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Sojafelder in Argentinien werden häufig mit Glyphosat behandelt.

Handelsabkommen mit EU könnte Nachfrage weiter steigern

Denn die Nachfrage nach Soja wird langfristig steigen. China füttert damit seine immer zahlreicher werdenden Schweineherden. Und auch Europa benötigt die Bohne nicht nur für Sojamilch und Tofu im Kühlschrankregal, sondern vor allem als Tierfutter. Immer häufiger wird Sojaöl als Biokraftstoff verwendet. Vermeintlich sauber - aber mit einem gar nicht so sauberen ökologischen Fußabdruck.

Um die Exporte zu vereinfachen, wird gerade hinter den Kulissen ein Abkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) verhandelt. Ein Abschluss steht unmittelbar bevor. Der vereinfachte Handel dürfte dann die Einfuhr von südamerikanischen Agrarprodukten nach Europa vergrößern - auch wenn diese giftige Böden und kranke Menschen hinterlassen.

Stichwort: Glyphosat

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es ist Hauptbestandteil verschiedener am Markt erhältlicher Unkrautvernichtungsmittel. Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat enthalten, gehören zu den weltweit am häufigsten verwendeten Herbiziden. Pflanzen nehmen Glyphosat durch ihre Blätter und andere grüne Pflanzenteile auf. Glyphosat blockiert die Produktion bestimmter Aminosäuren, die wichtig für das Wachstum der Pflanzen sind. Während die Internationale Behörde für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der WHO, in einer neuen Bewertung zum Schluss kommt, das Glyphosat für den Menschen wahrscheinlich krebserzeugend ist, ergaben zuvor andere Studien - wie die der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) - keine Hinweise darauf. 2015 kritisierten 96 Wissenschaftler aus 25 Ländern die Ergebnisse der EFSA-Studie, und forderten die Europäische Kommission auf, "das fehlerhafte Ergebnis der EFSA zu Glyphosat bei Ihrer Formulierung der Umwelt- und Gesundheitspolitik in Bezug auf Glyphosat außer Acht zu lassen und eine transparente, offene und glaubwürdige Prüfung der wissenschaft­lichen Literatur zu verlangen".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2018 um 17:10 Uhr.

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