Fußball-Stadion in Doha

Fußball-WM 2022 in Katar Gefangene in einem fremden Land

Stand: 27.09.2019 13:20 Uhr

Nach dem "Guardian"-Bericht kommen immer mehr Details über die menschenunwürdigen Bedingungen auf Katars WM-Baustellen ans Licht: Gute Bezahlung wurde den Gastarbeitern versprochen. Knebelverträge, Entrechtung und Schuften bis zum Umfallen sind die Realität. Vom Fußballverband Fifa kam nur eine dürftige Stellungnahme.

Von Peter Steffe, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Viele der rund 1,2 Millionen Gastarbeiter, vornehmlich aus Asien, sind in riesigen Sammelunterkünften außerhalb von Doha, der Hauptstadt Katars, untergebracht - unter teils menschenunwürdigen Bedingungen. Die Männer sind zu Tausenden regelrecht eingepfercht auf engstem Raum.

"Wir haben riesige Probleme, verstopfte Abflüsse im Badezimmer, um die sich niemand kümmert. Überall ist es dreckig. In den Unterkünften leben in einem Zimmer bis zu 14 Menschen zusammen. Die haben uns nicht mal Bettlaken gegeben, sie haben nur gesagt, wir sollen die uns selbst besorgen", schildert ein Arbeiter die katastrophalen Zustände.

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar
P. Steffe, ARD-Hörfunkstudio Kairo
29.07.2018 12:10 Uhr

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600 Arbeiter müssen sich zwei Küchen teilen, in denen sie sich selbst versorgen müssen. Auch hier wimmelt es vor Dreck und Ungeziefer: "Wenn man in die Küche kommt, ist es schockierend. Überall ist es dreckig, es gibt jede Menge Ungeziefer. Fliegen sitzen auf dem Essen", erzählt ein Arbeiter aus Nepal. "Das ist der Grund, warum die Leute krank werden."

Knebelverträge und falsche Versprechen

Stadion in Doha, Katar.
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Stadion in Doha: War die WM-Vergabe an Katar ein Fehler?

Medizinische Versorgung: Fehlanzeige. Dem Elend entfliehen können sie nicht, weil ihnen bei der Einreise in das Golfemirat offenbar die Pässe abgenommen wurden - sie sind ihren Arbeitgebern schutzlos ausgeliefert.

Mit Knebelverträgen, wie ein Wanderarbeiter aus Nepal den Journalisten des britischen Guardian erzählt: "Mein Monatslohn beträgt 250 US-Dollar, umgerechnet rund 190 Euro. In Nepal hat man uns erzählt, wir würden 250 Euro bekommen und rund 60 Euro zusätzlich fürs Essen. Ich bin total sauer, aber was kann ich tun?"

Arbeiten für die Familie in der Heimat

Der soziale Druck, der auf den Arbeitern lastet, bringt die Männer zur Verzweiflung. In ihren Heimatländern wartet meist eine Großfamilie auf ihren Verdienst aus Katar. Sie wurden scheinbar unter falschen Voraussetzungen ins WM-Gastgeberland für 2022 gelockt. Eine Anwerbung von billigen Arbeitskräften aus Asien, die System hat.

"Ich habe in Nepal 600 Dollar, rund 450 Euro, versprochen bekommen für die Arbeit hier. Am Flughafen in Dehli, im Transitbereich haben sie den Vertrag zerrissen und weggeworfen. Im Flugzeug bekam ich meinen neuen Vertrag, der Lohn lag dann nur noch bei 190 Euro. Und dann habe ich fünf Monate lang kein Geld gesehen. Ich hab extra einen Kredit aufgenommen, um hierher zu kommen - jetzt kann ich ihn nicht zurückzahlen. Ich bin von der Baustelle abgehauen, nun bin ich illegal im Land."

Todesfälle auf Baustellen

Ein Entrinnen gibt es nicht - sie sind quasi Gefangene in einem fremden Land. Ganeshi Wakar, ein 16 Jahre alter Nepalese ist nach Hause zurückgekehrt - in einem Sarg.

Ganeshi ist einer von über 40 toten Gastarbeitern, die in Katar alleine in den vergangenen beiden Monaten auf den WM-Baustellen ihr Leben verloren haben. Viele starben aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen, andere, wie Ganeshi, an Herzversagen.

Seine Mutter ist verzweifelt: "Wir hatten so viel Hoffnung. Er wollte jede Art von Arbeit machen, wir haben ihn dorthin geschickt. Wir dachten, er könnte Geld verdienen, damit wir zu essen haben. Wir hatten gehofft, dass es ihm gut geht."

Desaströse Arbeitsbedingungen

Ganeshis Vater zeigt den britischen Journalisten ein Bild seines Sohnes. Den Tod des 16-Jährigen kann er sich nicht erklären: "Ich bin voller Trauer, mein Sohn war stark und gesund, er hatte nicht einmal einen Husten. Ich habe ihn ins Ausland geschickt, dort starb er völlig unerwartet. War es das Klima? Oder was anderes? Diese Fragen beschäftigen mich Tag und Nacht."

Nach Recherchen der Guardian Reporter sei den Männern auf den Baustellen teilweise Wasser zum Trinken und zur Abkühlung verweigert worden, ebenso die Nahrungsaufnahme.

Dürre Stellungnahme der WM-Organisatoren

Ein riesiges Plakat wirbt für die Fußball-WM in Katar 2022.
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Die WM-Organisatoren äußern sich kaum zu den Arbeitsbedingungen.

Von den WM-Organisatoren in Katar kam zu den Vorwürfen der modernen Sklaverei lediglich eine dürre Stellungnahme. Man sei entsetzt über die Informationen, es gebe keinerlei Entschuldigung dafür, dass Arbeiter in Katar so behandelt würden.

"Die Gesundheit, Sicherheit und das Wohlbefinden eines jeden Arbeiters in der Vorbereitung auf die WM 2022 ist für das Organisationskomitee von größter Wichtigkeit. Das Turnier soll dabei helfen, eine Verbesserung des Lebens der Arbeiter in Katar herbeizuführen."

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