Frauen im Azadi Fussballstadion, Teheran, Iran | Bildquelle: Natalie Amiri

Stadion-Besuch für Frauen Kleine Revolution im Iran

Stand: 10.10.2019 16:29 Uhr

Ein Fußballspiel live im Stadion zu sehen - davon konnten iranische Frauen bislang nur träumen. Doch nun soll sich das ändern. Beim Länderspiel Iran-Kambodscha war es das erste Mal soweit.

Von Natalie Amiri, ARD-Büro Teheran

Tannaz' Augen füllen sich mit Tränen, sie kann den grünen Rasen vor sich kaum noch erkennen. Hat sie es wirklich geschafft? Doch sie ist wirklich drinnen - im riesigen Azadi-Stadion in Teheran, dessen Name übersetzt "Freiheit" bedeutet.

Den Namen trägt das Stadion seit 40 Jahren, seit der Gründung der Islamischen Republik. Seitdem ist es Frauen im Iran verboten, als Zuschauerinnen bei Fußballspielen dabei zu sein. Erzkonservative Geistliche meinen, so schützten sie die Frauen vor dem Anblick halbnackter Männer und einem vulgären Umfeld.

Proteste von Hardlinern

Bis zuletzt gab es vor dem iranischen Parlament Proteste von Hardlinern gegen den Stadionbesuch von Frauen - auch von Frauen. Doch es waren nur ungefähr 50 Menschen. Viele Männer, die die ARD bei vorherigen Spielen im Stadion gefragt hatte, sagten, sie hätten überhaupt nichts dagegen, dass Frauen als Zuschauerinnen bei Fußballspielen dabei sind.

Frauen im Azadi Fußballstadion, Teheran, Iran | Bildquelle: AFP
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Der Ansturm war groß - und die Karten schon früh ausverkauft.

Doch das religiöse System hat damit ein Problem. Zu viele Rechte für Frauen - davor haben bestimmte Personen in der Islamischen Republik Angst, denn die Unterdrückung könnte entgleiten.

Tannaz spürt heute weder Unterdrückung noch Benachteiligung. Auch wenn es bei 100.000 Sitzplätzen nur 4000 Plätze für Frauen gibt. Sie und ihre Freundinnen fühlen sich heute, als hätten sie einen wichtigen Kampf gewonnen - oder eine kleine Revolution.

Sie hatten in der Vergangenheit mehrmals versucht, ins Stadion zu gelangen: als Männer verkleidet, getarnt mit Kappen und Bärten, hatten sich die Haare abrasiert, ihre Stimmen verstellt - nur um ein Fußballspiel live im Stadion zu sehen.

Gefängnisstrafe bei Verstößen

Und es war gefährlich: Wurden sie von den Sicherheitskräften erwischt, mussten sie mit schweren Strafen rechnen. Wie Sahar Khodayari. Bei ihrem letzten Besuch im Stadion wurde das Mädchen erwischt und verhaftet. Das Urteil: sechs Monate Gefängnis.

Aus Protest übergoss sich Khodayari vor dem Gericht mit Benzin und zündete sich an. Mitte September erlag sie ihren Verletzungen. Weltweit gab es einen Aufschrei. Im Netz bekam Khodayari den Namen "das blaue Mädchen" - sie war Fan des blauen Fußballvereins FC Esteghlal.

Danach wurde vor allem auch Kritik an der FIFA laut: Wenn diese früher Druck auf die Islamische Republik ausgeübt hätte, könnte das Mädchen noch leben. Der Weltfußballverband hätte es doch in der Hand.

Iran versichert FIFA Öffnung

Doch die FIFA ließ sich lange Zeit mit dem Druck. Böse Zungen behaupteten, Präsident Gianni Infantino brauchte für seine Wahl alle Stimmen und wollte es sich mit der Islamischen Republik nicht verscherzen.

Nach dem Tod des "blauen Mädchens" war der Druck auf die FIFA schließlich doch zu groß: Am 22. September verkündete Infantino, dass der Iran der FIFA versichert habe, dass Frauen bei Fußballspielen künftig zusehen dürften. Doch ganz so rosig ist es nicht: Die Erlaubnis gilt nur für Länderspiele und nur in dafür eingezäunten Bereichen und nur für eine bestimmte Anzahl von Tickets.

Tannaz und ihre Freundinnen warteten daraufhin sehnsüchtig auf den 9. Oktober. Dann sollten die Tickets für das Länderspiel Iran-Kambodscha verkauft werden: das erste Spiel, bei dem Frauen zuschauen durften. Doch plötzlich hieß es schon in der Nacht des 4. Oktober, "die Webseite ist offen". Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell. Wer konnte, ergatterte online ein Ticket. Auch Tannaz zählte zu den Glücklichen.

Euphorie im Internet

Euphorisch feierten sie ihre Tickets anschließend im Internet. Spürten wieder Hoffnung, dass sie irgendwann doch noch einmal mehr Rechte bekommen würden in ihrem Land. Sie twitterten Bilder der Tickets und schrieben: "Nicht mutlos werden. Es werden noch mehr Plätze freigegeben für Frauen, bleibt am Rechner sitzen." Oder: "Hat irgendjemand eine Ahnung in Kambodscha, wie sehr wir Frauen uns auf dieses Spiel freuen?" Und: "Wir kaufen so viele Tickets, dass die Jungs keinen Platz mehr haben."

Viele Tickets wurden tatsächlich an Frauen verkauft. Denn während bei einem Teheran-Derby das Stadion mit 100.000 Männern fast aus den Nähten platzt, ist das Interesse bei Länderspielen gering.

Diejenigen, die drin sind, feiern, als wäre es ihre Junggesellinnen-Party. Ausgelassen. Frei. 4000 weibliche Stimmen füllen das Stadion. Denn für Lärm können sie sorgen, ruft uns Tannaz zu und jubelt dem iranischen Nationalteam zu. Für sie ist es kein Lärm um Nichts. Heute ist ihnen ein Schritt in die Freiheit gelungen - ein Schritt rein ins Azadi-Stadion. Vielleicht heißt dieses Stadion sogar eines Tages "das blaue Mädchen", twitterte Andranik Teymourian, ein ehemaliger Fußballer des FC Esteghlal.

Länderspiel Iran-Kambodscha: Erstmals Frauen im Stadion erlaubt
Karin Senz, SWR Istanbul
10.10.2019 16:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Oktober 2019 um 05:45 Uhr.

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