Polizisten in Fukushima bei einer Schweigeminute in Gedenken an die Opfer des Seebebens vor neun Jahren | Bildquelle: REUTERS

Jahrestag des Reaktorunglücks Die Zeit wird knapp in Fukushima

Stand: 11.03.2020 09:22 Uhr

Wegen des Coronavirus fällt heute auch die Gedenkveranstaltung zu Fukushima aus. Neun Jahre sind der Tsunami und das anschließende Reaktorkatastrophe in Japan nun her. Bis zu 20.000 Menschen kamen dabei ums Leben, 160.000 mussten ihre Heimat verlassen. Und die Entsorgungsfrage ist weiter ungeklärt.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Wohin man schaut, alles ist weiß, und es wird immer weißer: Schon weit mehr als 1000 Tanks mit kontaminiertem Kühlwasser stehen auf dem Gelände des havarierten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, in dem es 2011 drei Kernschmelzen gegeben hat.

"Das kontaminierte Wasser wird von Tag zu Tag mehr", schildert Akira Ono das Problem. "Irgendwann muss diese Situation beendet werden. Andernfalls können wir Fukushima Daiichi nicht stilllegen."

Nur noch Kapazitäten bis 2022

Ono ist beim zuständigen Atomkraftbetreiber Tepco für die Dekontaminierung zuständig. Schon jetzt lagern mehr als eine Million Kubikmeter mit Tritium belastetes Wasser in den Tanks. Die Regierung hat eine Kommission damit beauftragt, Lösungen für das Problem zu finden. Die Zeit drängt.

"Bei unseren jetzigen Kapazitäten kann man sagen, dass sie ungefähr im Sommer 2022 ausgeschöpft sein werden. Bis dahin müssen wir uns gut überlegen, was wir mit dem gespeicherten Wasser machen", erklärt Ono. "Aber wir müssen langsam mit der Vorbereitung anfangen. Daher hoffen wir, dass die Entscheidung vom Staat so schnell wie möglich getroffen wird."

In gewaltigen Tanks wird das kontaminierte Kühlwasser an der Anlage Fukushima Daiichi gelagert | Bildquelle: AFP
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In gewaltigen Tanks wird das kontaminierte Kühlwasser an der Anlage Fukushima Daiichi gelagert. Was damit geschehen soll, darüber wird in Japan weiterhin gestritten.

Zwei Vorschläge wurden diskutiert: Das Wasser verdampfen zu lassen oder verdünnt ins Meer einzuleiten. Der gravierendste Unterschied zwischen beiden Varianten sind die Kosten. Einleiten ins Meer ist zehnmal günstiger als verdunsten.

Verbraucherschützer: Beratungen waren eine Farce

Kikuko Tatsumi saß als Vertreterin einer Verbraucherschutzorganisation mit in der Kommission. Sie meint: "Es wäre besser, das kontaminierte Wasser aufzubewahren." Doch sie konnte sich nicht durchsetzen, empfand die Sitzungen, wie sie durch die Blume deutlich macht, eher als Farce. Die Entscheidung, das Wasser ins Meer abzulassen, habe bereits vorher festgestanden, sagt sie.

Der Ball liegt jetzt bei der Regierung. Kyoichi Kamiyama vom Fischereiforschungsinstitut in Fukushima warnt: "Wenn dieses kontaminierte Wasser ins Meer eingeleitet wird, wird das für sehr viel Gesprächsstoff sorgen und sich negativ auf die Fischereiindustrie auswirken, die alles immer genau getestet hat und gerade dabei war, langsam ihre Fangquoten zu erhöhen. Ich hoffe, es wird nicht so ausgehen."

Japaner misstrauen Tepco

Die Mehrheit der Japaner lehnt Atomkraft ab und steht Produkten aus Fukushima sehr skeptisch gegenüber. Nach vielen Skandalen misstrauen zudem viele Menschen Tepco. Selbst unter Experten ist umstritten, wie gefährlich Tritium, das sich immer noch im Wasser befindet, für den Menschen ist. Tepco und die Regierung sagen, die Gefahr sei gering. Und schließlich würden das andere Länder auch so machen.

Kazue Suzuki von Greenpeace hält dagegen: "Es wird behauptet, dass in der verdünnten Konzentration kein Gesundheitsrisiko besteht, und so wird es abgelassen. Aber die radioaktive Strahlung sammelt sich irgendwo im Meer und existiert dort weiter." Langfristig sei zum Beispiel zu befürchten, dass sich die Radioaktivität irgendwo im Meer sammelt und einen Hot Spot bildet, erklärt Suzuki. "Kurzfristig ist großer Schaden bei den Verkäufen von Meeresprodukten zu befürchten, wenn das verstrahlte Wasser ins Küstengewässer von Fukushima abgeleitet wird."

Fukushima nach der Katastrophe: Polizisten im April 2011 in der Provinz Fukushima | Bildquelle: AP
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Eine Aufnahme vom April 2011 zeigt das Ausmaß der Zerstörung in der Provinz Fukushima durch den Tsunami.

Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass es genauso kommen wird. Das Wasser, so machte es die Kommission schon jetzt klar, dürfe nur von Fukushima aus ins Meer eingeleitet werden. Atomkraftbetreiber Tepco will das Wasserproblem nicht nur aus Platzgründen möglichst schnell loswerden, wie Chef-Dekontaminierer Ono erklärt: "Ganz wichtig ist, dass wir bis 2031 alles so vorbereiten, dass wir uns darauf konzentrieren können, die Trümmer zu entfernen."

Das ist die nächste große Herausforderung. Neun Jahre nach dem Reaktorunglück von Fukushima ist noch lange kein Ende abzusehen. Für niemanden in der Region.

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Auferstehung oder alte Probleme - neun Jahre nach Fukushima
Kathrin Erdmann, ARD Tokio
11.03.2020 08:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. März 2020 um 06:25 Uhr.

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