Kardinal George Pell | AFP

Vorwurf des Missbrauchs Kardinal Pell auf freiem Fuß

Stand: 06.05.2020 12:58 Uhr

Der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Kardinal Pell ist freigesprochen worden. Das Oberste Gericht Australiens kippte die Verurteilung des Ex-Finanzchefs des Vatikans. Opfervertreter reagierten bestürzt.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

"Brenne in der Hölle, Pell!", "Wenigstens ist er im Gefängnis!" - das waren die Reaktionen vor dem Gerichtsgebäude, als der Urteilsspruch gegen Kardinal George Pell im vergangenen Jahr bekannt wurde.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Heute wurde seine Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs aufgehoben - aber diesmal war nichts zu hören. Vor dem Gericht durfte sich niemand versammeln. In Australien gelten wie überall Kontaktverbote, Schutzmaßnahmen wegen des Coronavirus.

"Begründete Zweifel an der Schuld"

Der Saal des Obersten Gerichts in Brisbane war nahezu leer, als die Vorsitzende Richterin Stefanie Kiefel die Entscheidung verkündete: Die Geschworenen hätten in dem Prozess gegen Pell begründete Zweifel an seiner Schuld haben müssen, die Beweislage sei zu dürftig gewesen. Nur drei Journalisten saßen auf der Besuchertribüne.

Pell reagierte schriftlich

Der 78-jährige Pell erfuhr in seinem Gefängnis nahe Melbourne von der Entscheidung und äußerte sich in einem schriftlichen Statement: "Ich habe stets meine Unschuld beteuert, während ich großes Unrecht erlitt. Das ist heute aufgehoben worden durch die einstimmige Entscheidung des Obersten Gerichtes. Ich hege keinen Groll gegen meinen Ankläger, ich möchte nicht, dass mein Freispruch die Verletzungen und die Bitterkeit verstärkt, die so viele empfinden; Verletzungen und Bitterkeit gibt es schon genug." Er konnte inzwischen das Gefängnis verlassen.

Entsetzen - wegen Corona nicht vor Ort, dafür in sozialen Medien

Der Widerhall in den sozialen Medien zeigt das deutlich: Empörung und auch Traurigkeit über den Freispruch sind groß. Viele fürchten, dass Opfer von Kindesmissbrauch jetzt noch weniger Mut hätten, ihre Stimme zu erheben. Pell sei zweimal verurteilt worden, bis die Macht der alten Männer ihn erlöst hätte. Das Konzept des begründeten Zweifels sei der beste Freund des Straftäters. So die Kommentare.

George Pell war im Dezember 2018 für schuldig befunden worden, als Erzbischof von Melbourne im Jahr 1996 zwei 13-jährige Chorknaben sexuell missbraucht zu haben. Grundlage für das Urteil war die Aussage einer der beiden Betroffenen, jetzt ein Mann von Mitte 30.

Pell sieht sich als Opfer

George Pell und seine Unterstützer hatten immer wieder beklagt, dass er als Sündenbock herhalten müsse für die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche Australiens. Dabei betonte er in seinem öffentlichen Statement heute: "Indes war mein Prozess weder ein Referendum über die katholische Kirche noch ein Referendum darüber, wie die kirchlichen Autoritäten mit den Verbrechen des Kindesmissbrauchs in der Kirche umgegangen sind."

In Australien hat es seit 2013 groß angelegte Versuche gegeben, jahrzehntelange Missbrauchsskandale aufzudecken und zu verarbeiten. Eine Royal Commission, eine königliche Kommission, wurde eingesetzt, es gab mehr als 2500 Anschuldigungen, 60.000 Überlebende können Anspruch auf Entschädigung erheben.

Viele Zahlen und noch viel mehr Leid. Zahlreiche Opfer konnten mit ihrer Scham über das Geschehene nicht leben. Sie fingen an zu trinken, waren unfähig, ein normales Leben zu führen, brachten sich um. Einer der Jungen, um die es in dem Verfahren gegen Kardinal Pell ging, ist 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben.

Pell verhielt sich oft ausweichend

Kardinal George Pell hatte noch vor einigen Jahren als Zeuge vor der Royal Commission ausgesagt, per Video vom Vatikan aus. Dort war er als Schatzkanzler der dritthöchste Mann im Kirchenstaat. Als es um einen bestimmten pädophilen Priester und seine Verbrechen ging, sagte Pell nur: "Eine traurige Geschichte, die mich nicht sehr interessierte."

Das Publikum war hörbar schockiert. Pell fügte nur hinzu: "Das Leiden war echt und ich bedaure das sehr, aber es gab für mich keinen Grund, mich mit dem Ausmaß der Verbrechen dieses Mannes zu beschäftigen."

Unbeteiligt und unschuldig - so sieht sich Pell anscheinend damals wie heute.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. April 2020 um 12:00 Uhr.