Jean Castex | AFP

Kabinettsumbildung Castex wird neuer Premier Frankreichs

Stand: 03.07.2020 15:16 Uhr

Nach den Verlusten bei den Kommunalwahlen ist die Regierung des französischen Premier Philippe zurückgetreten. Seine Nachfolge tritt nun Jean Castex an. Der 55-Jährige hatte während der Corona-Krise die Lockerungen im Land koordiniert.

Erneut sorgt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit der Auswahl seines Führungspersonals für eine Überraschung: Er hat Jean Castex zum neuen Premierminister ernannt. Das teilte der Élyséepalast mit. Castex hatte sich während der Corona-Krise als Koordinator der Lockerungen im Land hervorgetan. Ihm obliegt nun die Bildung eines neuen Kabinetts.

Fähigkeit zum Dialog

Castex war bisher nicht gerade ein politisches Schwergewicht. Ein Ministeramt hatte er nie inne. Allerdings zog der 55-Jährige als hoher Beamter schon auf etlichen Stationen erfolgreich viele Fäden. Unter anderem war er eine Weile unter dem konservativen Staatschef Nicolas Sarkozy stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung. Derzeit ist Castex Bürgermeister der Kleinstadt Prades im Südwesten des Landes. Gerade wurde er mit über 75 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Castex aber erst durch seine Funktion als "Monsieur Deconfinement" bekannt geworden. Macron hatte den Absolventen der französischen Eliteschule ENA im April beauftragt, die Planungen für den schrittweisen Ausstieg aus den Corona-Beschränkungen zu koordinieren.

Wegbegleiter bezeichnen ihn als effizienten Arbeiter, der auch in komplexen Situationen Übersicht und Ruhe bewahrt. Der Vater von vier Töchtern wird als sehr warmherzig, aber durchsetzungsfähig, als sehr offen, aber diskret beschrieben. Und ihm wird eine große Fähigkeit zum Dialog bescheinigt. Der neue Premier steht jetzt vor der gewaltigen Herausforderung, den von Präsident Macron angekündigten Neuanfang umzusetzen.

"Grüne Welle" bei den Kommunalwahlen

Zuvor war die Regierung unter Premierminister Édouard Philippe zurückgetreten. Philippe habe am Vormittag den Rücktritt seines Kabinetts bei Macron eingereicht, teilte der Élyséepalast mit. Vor dem Hintergrund des Triumphs der Grünen bei den französischen Kommunalwahlen hatte Macron bereits eine Kabinettsumbildung angedeutet.

Macron war nach der Endrunde der Kommunalwahlen Ende Juni erheblich unter Druck geraten, da sich sein Mitte-Lager bis auf wenige Ausnahmen nicht in großen Städten durchsetzen konnte. Stattdessen gab es eine "grüne Welle" - Grüne und ihre Verbündeten eroberten große Städte wie Lyon, Straßburg oder Bordeaux.

Spannungen in der Corona-Krise

Über die politische Zukunft Philippes wurde seit Monaten spekuliert. In der Corona-Krise war es zu Spannungen an der Spitze des Staates gekommen. So drückte Macron beim Lockern der strikten Ausgangsbeschränkungen aufs Tempo, während Philippe bremste.

In Beliebtheitsumfragen schnitt der Politiker wesentlich besser ab als Macron. Philippe hatte in der Corona-Krise, die Frankreich mit rund 30.000 Toten schwer traf, als ruhig wirkender Krisenmanager an Beliebtheit gewonnen.

Premierminister haben in Frankreich einen schwierigen Stand, da üblicherweise der Staatspräsident im Rampenlicht steht und die großen Linien vorgibt. So vertritt der Staatschef Frankreich bei EU-Gipfeln oder anderen internationalen Spitzentreffen.

Mit Informationen von Martina Bohne, ARD-Studio Paris

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Juli 2020 um 13:00 Uhr im Mittagsmagazin.