Den sechsten Tag in folge demonstrierten die Gewerkschaften in der französischen Hauptstadt Paris. | Bildquelle: AP

Rentenreform in Frankreich "Man will uns doppelt bestrafen"

Stand: 10.12.2019 19:36 Uhr

Wieder haben die Rentenpläne der französischen Regierung Tausende auf die Pariser Straßen getrieben. Doch was genau erbost die Gewerkschafter?

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Der Pariser Invalidendom war am Nachmittag der Sammelpunkt für den großen Demonstrationszug der Gewerkschaften. Mit dabei Didier - seinen vollen Namen will er nicht nennen. Wie schon am vergangenen Donnerstag, als Hunderttausende gegen die Rentenreform auf die Straße gingen, marschiert er auch diesmal mit. Obwohl die Anreise für den Mittfünfziger aus dem Pariser Umland weit und beschwerlich ist.

Aber die Pläne der Regierung gehen ihm zu sehr gegen den Strich: "Damit sollen doch die Leute in die Armut getrieben werden. Die Leute werden dann im Ruhestand nicht mehr anständig von ihrer Rente leben können."

Kein Vertrauen in das Kabinett

Die Regierung will die vielen existierenden Rentenkassen zusammenführen und jeder eingezahlte Euro soll die gleichen Rentenanrechte begründen - was gegenwärtig nicht der Fall ist. Das Rentenniveau an sich soll nicht abgesenkt werden. Aber das glaubt Didier der in seinen Augen ultraliberalen Regierung nicht: "Die reden viel, aber am Ende nehmen sie es immer von den kleinen Leuten und nicht von den Reichen."

Didier trägt stolz, wie seine Kollegen um ihn herum, die grüne Warnweste, darauf der Schriftzug seiner Gewerkschaft: Sud Rail, eine der Eisenbahnergewerkschaften, die seit Tagen den Streik vorantreiben und das Land zum Stillstand bringen. Er weiß, dass sie damit vielen Leuten das Leben schwer machen. Aber es sei für einen guten Zweck.

"Wir machen das ja für alle, sogar für die, die nicht streiken. Wir kämpfen für alle: für unsere Kinder, unsere Familien, für die Rentner, für die Leute, die keine Arbeit haben. Und die Franzosen werden sich dessen auch immer mehr bewusst", sagt er.

Weiter streiken - bis Macron einlenkt

Damit wehrt Didier auch den Vorwurf ab, die Eisenbahner kämpften ja vor allem für den Erhalt ihrer eigenen Privilegien. Eisenbahner können deutlich früher in Rente gehen als normale Arbeitnehmer, und sie bekommen weit höhere Pensionen. Dass ständig auf die Sonderrechte der Eisenbahner verwiesen wird, das bringt Didier auf die Palme. Andererseits würden Eisenbahner nämlich sehr schlecht bezahlt.

"Und dann will man uns auch noch doppelt bestrafen. Jetzt sollen wir weiter die niedrigen Löhne bekommen, und gleichzeitig macht das Punktesystem unsere Rente kaputt." Und so will Didier weiter demonstrieren und weiter streiken - bis die Regierung endlich nachgibt und die Rentenreformpläne beerdigt.

Die Regierung hält an ihren Plänen fest

Der Protest hat wieder Zehntausende auf die Straße gebracht, auch wenn beim Demonstrationszug in Paris die Reihen lichter erscheinen als am vergangenen Donnerstag. Auch fällt die Streikbeteiligung im öffentlichen Dienst geringer aus. Die Gewerkschaften sehen sich dennoch bestärkt: Die Protestbewegung habe sich etabliert.

Die Regierung hofft, dass der Widerstand gegen die Rentenreform nachlässt. Morgen will Premierminister Edouard Philippe die genauen Pläne vorstellen. Am Prinzip der Einführung eines für alle einheitlichen Systems auf Punktebasis will er festhalten. Aber gut möglich, dass er einige Friedensangebote machen wird für Leute wie Didier. Aber schwer vorstellbar, dass er ihn noch erreichen kann.

Erneuter Protest gegen Rentenreform
Martin Bohne, ARD Paris
10.12.2019 18:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Dezember 2019 um 20:00 Uhr und Deutschlandfunk am 05. Dezember 2019 um 19:05 Uhr.

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