Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, winkt im September 2021 Leuten zu. | AFP
Porträt

Präsidentschaftswahl in Frankreich Der große Traum der Madame Hidalgo

Stand: 23.10.2021 12:56 Uhr

Seit 2014 ist Anne Hidalgo die Bürgermeisterin von Paris. Nun will sie höher hinaus - bis ganz an die politische Spitze Frankreichs. Doch große Chancen rechnet der 62-Jährigen derzeit niemand aus.

Von Linda Schildbach, ARD-Studio Paris

"C’est parti, allons-y!" - "Los geht's", ruft Anne Hidalgo gemäßigt euphorisch ihren Genossen von der sozialistischen Partei in Frankreich entgegen und verkündet am 12. September: "Ich will als Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen antreten."

Bereits der Ort, den die 62-Jährige für diese Absichtserklärung wählt, spricht Bände: Hidalgo - schulterlanges dunkles Haar, hellgrauer Blazer - steht vor einer großen Fensterfront mit Blick auf die Seine. Aber nicht in Paris, sondern Rouen in der Normandie.

Von der Bürgermeisterin zur Staatschefin?

Hidalgo braucht einen Imagewechsel: Weg von der Pariser Bürgermeisterin, hin zu einer Kandidatin für ganz Frankreich, um Frankreichs erste Präsidentin zu werden.

Ist das ein Traum? Ja, dass es unserem Land besser geht, das ist mein Traum. Dass ich es mitgestalte? Na klar. Mein Leben ermöglicht es mir, Dinge zu erreichen, die ich will. Mein Handeln ist im Einklang mit meinen Pflichten und dem, was ich täglich tue.

Kind einer spanischen Arbeiterfamilie

Über ihr Leben hat Hidalgo jüngst ein Buch veröffentlicht: "Une femme française" ("Eine französische Frau"). Dabei ist sie ein Einwandererkind. 

Ich bin in Spanien geboren und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, als Tochter eines Elektrikers und einer Schneiderin. Ich hatte das Glück, studieren zu können. Wenn ich nicht durch eine weltliche, gemischte Schule mit Werten der Republik gegangen wäre, würde ich heute kaum als Bürgermeisterin von Paris zu Ihnen sprechen.

Ihre Eltern fliehen vor Franco. Da ist sie zwei Jahre alt. Sie wächst in einem Arbeiterviertel von Lyon auf. Ist Klassenbeste. Liebt das Malen - im großen Format.

Hidalgo studiert Sozialwissenschaften, wird Arbeitsinspektorin, berät Minister und den Pariser Bürgermeister. Bis sie selbst die erste Frau in diesem Amt ist und vergangenes Jahr wiedergewählt wird. Die dreifache Mutter lässt Schulen renovieren, fördert Frauen und die LGBTQ-Bewegung. Sie prescht in der Corona-Krise beim Impfen voran.

Auf der anderen Seite der Bilanz wachsen Mietpreise und Kriminalität. Sie ersetzt historische Kioske durch neue und der Vorwurf wird lauter, Paris verdrecke.

"Ich komme in Bescheidenheit"

In diesem Sommer ist sie durch das Land getourt, genau wie Präsident Emmanuel Macron. Ihr haftet die Pariser Blase an. Dazu sagt Hidalgo in der Bretagne: "Wenn ich arrogant wäre, wie man es den Parisern nachsagt, funktioniert es nicht. Ich komme in Bescheidenheit her und suche Lösungen."

Und die sollte sie schnell finden. Denn Hidalgos Wahlkampf legt einen schlechten Start hin. Nur 72 Prozent der Parteimitglieder stimmten für sie als Kandidatin für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr - mangels besserer Alternativen, raunen einige Sozialisten. Auch in den Umfragen rutschte sie jüngst von neun auf nur noch 5,5 Prozent ab. Ihre Vorschläge zünden nicht: Ob klimafreundliches Tempolimit auf der Autobahn - von 130 auf 110 Kilometer pro Stunde - oder Senkung der CO2-Steuer.

Für ihre Idee, das Lehrergehalt zu verdoppeln, gab es selbst aus der linken Ecke Häme. "Rock'n'Roll Hidalgo", kommentierte Jean-Luc Mélenchon, Chef der linken Partei "La France Insoumise", etwa den Vorschlag. Selbst der Vorsitzende der sozialistischen Partei, Olivier Faure, macht sich keine Illusionen: "Wir wissen hier alle, dass der Wahlkampf schwierig wird. Niemand wünscht uns den Sieg."

Hidalgo versucht, all das nicht an sich heranzulassen. Gelassen verweist sie darauf, dass sie die Umfragen bei der Kommunalwahl im März ja auch vorab zur Verliererin erklärt hatten - unzutreffender Weise.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Oktober 2021 um 06:05 Uhr.