Macron-Anhänger hängen Wahlplakate auf | Bildquelle: dpa

Macrons Wähler Vor allem eine Frage der Vernunft

Stand: 03.05.2017 13:01 Uhr

Die Alternative ist klar: Wer Le Pen als französische Präsidentin verhindern will, muss am kommenden Sonntag Macron wählen. Der 39-Jährige hat aber das Profil eines liberalen Reformers. Und damit tun sich viele seiner Wähler in der Provinz schwer.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris, zurzeit Bretagne

Die Wellen plätschern an den Strand von Saint Nazaire. Der Atlantik ist ruhig, obwohl die Stimmung im Land eher stürmisch ist, jetzt kurz vor der Stichwahl zwischen Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National und dem sozial-liberalen Emmanuel Macron.

Links ragt die Hafenstadt mit ihren Quais in den Himmel. An der Strandpromenade ist eine kleine Crêperie, sie gehört Luc. Dass in seiner Stadt nur rund 13 Prozent Marine Le Pen gewählt haben, macht ihn ein bisschen stolz. Saint Nazaire sei eine weltoffene Hafenstadt mit Schiffen und Arbeitern aus aller Welt. Man sei es gewohnt, ausländische Gesichter zu sehen. Luc hält das für eine Bereicherung.

Wie viel Reformen sind gewünscht?

Saint Nazaire geht es wirtschaftlich gut, rund um Lucs Creperie und auch die Straße in Richtung Fußgängerzone werden neue Häuser gebaut, Wohnungen und Ladenlokale. Gerade hat ein neuer Friseur aufgemacht.

Eine gute Umgebung für Macron-Wähler, sagt Luc, und trotzdem: Er ist nicht hundertprozentig überzeugt vom Programm des Sozialliberalen, hat ihn im ersten Wahlgang eigentlich nur gewählt, weil der sozialistische Kandidat Benoit Hamon schon so weit abgeschlagen war.

"Die ganze Liberalisierung", die Macron vertrete, das sei nicht seine Meinung, die gehe "nicht ganz in die richtige Richtung". Aber: "Ich habe in den sauren Apfel gebissen."

Brücke in Saint Nazaire | Bildquelle: picture-alliance / maxppp
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Die Bewohner von Saint Nazaire bezeichnen ihre Stadt als weltoffen. Aber was bedeutet das bei der Präsidentschaftswahl?

Die Taktik spielt eine Rolle

So sieht das auch Yannick. Er ist eigentlich strammer Sozialist, in der Gewerkschaft aktiv. Gerade ist er mit Freunden aus England unterwegs, zeigt ihnen die große Festung, von der aus man den ganzen Hafen überblicken kann.

Eigentlich sei Saint Naziere eine sozialistische Hochburg, sagt Yannick, aber Macron habe es geschafft, die Leute anzusprechen, "weil sie verstanden haben, dass er es in die Stichwahl schaffen wird. Deshalb haben wir schon im ersten Wahlgang taktisch gewählt."

Die Vernunft ist die eine Seite...

In Frankreichs wichtigster Hafenstadt am Atlantik war es wohl für viele eher eine Entscheidung der Vernunft und nicht des Herzens, für den Sozialliberalen zu stimmen. Anders sieht es da schon in Nantes aus, gut 60 Kilometer weiter landeinwärts. Hier, in den kopfsteingepflasterten Gässchen tobt das Leben, Bars und Restaurants sind voll.

Hervé und Clément, beide Mitte 30, haben Macron aus Überzeugung gewählt. Der frühere Wirtschaftsminister stehe "für eine offene Gesellschaft" und könnte ein "Mann der Reformen" sein, sagen sie. Für Clément zählt gerade, dass man Macrons Bewegung keinen Stempel aufdrücken könne: "Er nimmt die besten Ideen von links und rechts und das ist es ja auch, was unsere Gesellschaft widerspiegelt."

Luftaufnahme von Nantes | Bildquelle: picture alliance / Robert B. Fis
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Eine studentisch geprägte Stadt wie Nantes profitiert von Europa.

... das Herz die andere

Auch das Thema Europa scheint den Macron-Wählern aus Nantes am Herzen zu liegen. Zwar liegt die Stadt im Westen Frankreichs weit ab von irgendwelchen Grenzen, trotzdem sei sie europäisch, sagt Georges, der mit Freunden vor einer Bar sitzt. Allein schon durch die vielen Studenten, die aus ganz Europa nach Nantes, dem Tor zur Bretagne, kommen. 

Georges ist überzeugt, Europa könne nur gestärkt werden, "wenn Deutschland und Frankreich Hand in Hand gehen". Das habe weder unter Nicolas Sarkozy noch unter Francois Hollande gut geklappt. Macron, glaubt er, könnte das schaffen. Georges jedenfalls wünscht sich ein starkes, vereintes Europa, "das von der deutsch-französischen Freundschaft geprägt ist".

Dass diese Freundschaft, wie vieles andere, mit dem Sieg von Le Pen den Bach runter gehen würde, davon sind die Bretonen überzeugt. Viele Nanteser und auch viele aus der Hafenstadt Saint Nazaire wollen am Sonntag alles tun, damit Macron Le Pen schlägt - sei es nun aus Vernunft oder tatsächlich aus Überzeugung.

Herz oder Kopf - Wer wählt Macron?
S. Wachs, ARD Paris, zzt. Nantes
03.05.2017 13:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Mai 2017 um 20:00 Uhr und um 00:54 Uhr. Am 03. Mai 2017 berichtete NDR Info um 09:08 Uhr.

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